Sexueller Mißbrauch - was ist das?

Sexueller Mißbrauch ist eine nicht zufällige, bewußte gewaltsame psychische und physische Schädigung die zu Verletzungen, Entwicklungshemmungen und sogar bis zum Tode führt und die das Wohl und die Rechte des Mädchens/Buben beeinträchtigt.

Dies ist nur eine von vielen, oft sehr unterschiedlichen Definitionen von sexuellem Mißbrauch. In der Tat ist es sehr schwer sexuellen Mißbrauch abzugrenzen. Ist das Streicheln fremder Kinder schon zuviel? Was ist, wenn ältere Buben im Lager die Mädchen necken und dabei handgreiflich werden? Was darf der Jungscharleiter und was nicht?
Fragen, die nachdenklich stimmen. Machen wir uns zunächst mit einigen Fakten vertraut:

  • Täter sind fast ausschließlich Männer (95-99%)
  • 85% der Männer, die ein Mädchen mißbrauchen, kommen aus der Familie oder deren Umfeld, das heißt meist sind es vertraute Männer, also Vater, Bruder, Onkel, Lehrer usw.
  • 25% der Mädchen und 8% der Buben werden mißbraucht
  • die am meisten betroffene Altersgruppe ist die der 10-15 jährigen (53%), gefolgt von den 8-10 jährigen (22%) (genau diese Altersgruppen kommen in die Jungschar!)
  • erst jeder siebte Erwachsene glaubt dem Kind, wenn es andeutet mißbraucht zu werden

Sexueller Mißbrauch ist nicht etwas, was einmal passiert.

Sexueller Mißbrauch ist nicht etwas, was einmal passiert. Er ist selten zufällig, meist geplant und bewusst gesetzt. In 80% der Fälle dauert er zwei Jahre und länger.
Dies ist auch einer der Unterschiede zu gewaltvoller, körperlicher Mißhandlung, die meist aus einer Überforderungssituation heraus entsteht. Weiters wird körperliche Mißhandlung heute auch nicht mehr so totgeschwiegen wie das Thema sexuelle Gewalt. Es gibt deutliche Spuren für körperliche Gewalt die es leichter machen dem Opfer zu glauben und auch mehr Beweiskraft haben.
Mißbrauchte Kinder haben meist enge Bindung an den Täter. Einmal, weil es eine primär vertraute Person ist, dann aber auch weil die Schamgrenze mit der Zeit steigt. Das bedeutet das Kind fühlt sich je länger die Mißhandlung dauert, desto mitschuldiger. In Verbindung dazu können auch Androhungen und Einschüchterungen des Täters vorkommen:
"Wenn du das der Mami sagst, wird sie krank" ...
Dazu kommt noch die Gewißheit allein zu sein:
"Das passiert nur mir".
Daraus wird verständlich, wie schwer es für ein Kind ist, über den Mißbrauch zu sprechen.

Wie kann ich ein Opfer erkennen?

Es gibt keine typischen Merkmale oder klassischen Symptome. Dennoch können verschiedene Verhaltensweisen und besonders Verhaltensänderungen darauf hinweisen. Wichtig dabei ist zu bedenken dass die im folgenden genannten Merkmale ein Hinweis sein können, aber nicht müssen.

  • "komische" Verhaltensweisen oder auffällige Veränderungen im Verhalten des Kindes
  • stärker auftretendes aggressives Verhalten oder aber verstärkter Rückzug
  • Angst
  • Essstörungen
  • Sexualisiertes Verhalten oder Sprache
  • Zurückfallen in frühere Stadien, also sehr kindliches Verhalten
  • Leistungsänderungen in der Schule (..!?..)
  • körperliche Spuren

Nochmals zu betonen ist dass es sehr oft von den eigenen Normen und Gewohnheiten abhängt, was man als Hinweis auf sexuellen Mißbrauch deutet und was nicht. Daher ist es wichtig sich selbst zu hinterfragen, genauer zu beobachten und sich auch mit andern abzusprechen.

Was kann ich tun?

Dem Kind glauben! Es ist primär wichtig dass das Kind vertrauen kann. Dazu gehört auch ehrlich zu sein mit dem Kind, es soll erfahren dass mich das betroffen macht.

Es ist primär wichtig, dass das Kind vertrauen kann

 
  1. Zunächst ist es wichtig selbst mit dem Verdacht fertig zu werden. Die eigene Betroffenheit muß Platz haben um richtig handeln zu können. Nur wer sich seiner Grenzen bewusst ist, kann effiziente Hilfe leisten.
  2. Das Verhalten des Kindes genau beobachten, Tagebuch darüber führen.
  3. Mit andern Personen, die das Kind besser kennen, in Kontakt treten (mit einem anderen Gruppenleiter, der Lehrerin, usw.) und über die "komischen" Verhaltenswiesen sprechen.
  4. Fachpersonal heranziehen. Niemand kann sexuellen Mißbrauch alleine aufdecken!
  5. Nichts übereilen! Ein falscher Verdacht oder nicht genau geplantes Vorgehen können die Lage nicht verbessern

Die Chance der Jungschar

Dem einzelnen Jungscharleiter sind natürlich Grenzen gesetzt.
Meist ist es sehr schwer sexuellen Mißbrauch aufzudecken. Die Kinder kommen nur einmal in der Woche zu der Gruppenstunde, eine recht kurze Zeit, um genaue Beobachtungen machen zu können. Dennoch ist da Raum, um auf gewisse Dinge aufmerksam zu werden.
Die persönlichen Grenzen sind natürlich ebenso wichtig. Diese sollten respektiert werden, ohne aber das Wohl des Kindes aus den Augen zu verlieren. Letztlich ist man ja nicht allein und kann sich an andere Vertrauenspersonen und Fachleute wenden. Niemand kann alleine sexuellen Mißbrauch aufdecken!

Die Chance der Jungschar liegt darüberhinaus aber besonders in der Prävention.
Einige Vorschläge dazu:

  • In der JungscharleiterInnengruppe könnte man sich gemeinsam über Anlaufstellen für solche Fälle informieren oder solche auch besuchen.
  • Es können Gruppenstunden geplant werden zu den Themen gute Gefühle - schlechte Gefühle, Hilfe holen, Nein sagen, gute und schlechte Geheimnisse, Mädchen und Jungen, Gewalt, Aggression, Sexualität.

Zusammenfassung von Verena Bertignoll, weitere Informationen und Adressen von Anlaufstellen findet ihr im Jungscharbüro

Weiterführende Literatur und Materialien

  • Enders, Ursula "Zart war ich, bitter war's" Sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen, Kölner Volksblatt Verlag 1990
  • Friedrich, Max H. "Tatort Kinderseele" Sexueller Mißbrauch und die Folgen, Ueberreuter 1998
  • Garbe, Elke "Martha" Psychotherapie eines Mädchens nach sexuellem Mißbrauch, Votum Verlag Münster 1993
  • Sielert, Uwe und andere "Sexualpädagogische Materialien für die Jugendarbeit in Freizeit und Schule" Junge Kirche, Fachzeitschrift für Kinder- und Jugendpastoral, Jg. 30/1
  • Braun, Gisela "Ich sag' nein!" Die Schulpraxis Mühlheim 1989
  • Rosen, Björn Graf von "Das Märchen von der ungehorsamen Adeli-Sofi und ihrer furchtbaren Begegnung mit dem Wassermann" Atlantis Kinderbücher 19987
  • Wachter, Oralee "Heimlich ist mir unheimlich" Benzinger 1985
  • Aliki, "Gefühle sind wie Farben" Weinheim und Basel 1987
  • Brenda Leb: Mein Weg aus dem Fegefeuer

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