Märchen

... und so lebten sie fürderhin glücklich und zufrieden!

Die wichtigste Aufgabe für uns Menschen - und da wiederum für Kinder in besonderer Weise - ist es, einen Sinn im Leben zu finden. Dazu müssen wir viele verschiedene Erfahrungen machen und diese Erfahrungen für uns auswerten. So lernen wir uns immer besser kennen und verstehen.

Für den Entwicklungsprozess des Kindes sind in erster Linie Menschen von Bedeutung: die Eltern, aber auch andere Personen, die für das Kind sorgen und mit ihm in Beziehung stehen.

Es war einmal...

Es war einmal.... . So beginnen fast alle Märchen und führen damit direkt in eine Welt der Träume und Sehnsüchte, der Ängste und Hindernisse, der Hoffnung, der Auseinandersetzung, der Verwandlung und des Sieges. Und am Schluß des Märchens steht die Gewissheit, daß alles überwunden wurde, daß alles gut ausgegangen ist.

Märchen berühren Schichten des Menschen, die sich einer rationalen, oberflächlichen Betrachtung entziehen. Märchen "sprechen" mit den verborgenen Seiten der Seele und berühren damit wichtige Aspekte kindlicher Persönlichkeitsentfaltung. Im Gegensatz zu anderen Geschichten, Fabeln oder realkundlichen Texten sind Märchen in besonderer Weise geeignet, das Leben des Kindes zu bereichern, also Sinn zu stiften. Sie vermitteln lebenswichtige Botschaften auf bewusster wie auf unbewusster Ebene, indem sie die Phantasie anregen und dem Kind helfen, seine emotionalen Konflikte zu klären.
Märchen bieten dem Kind Bilder an, nach denen es seinem Leben eine bessere Orientierung geben kann. Die Probleme des Heranwachsens erscheinen in einem anderen Licht:
Enttäuschung, Ohnmacht, Geschwisterrivalität, Abhängigkeit, Pflichtbewußtsein, Selbstwertgefühl, Angstüberwindung... das alles sind große Probleme für das Kind, vor denen es immer wieder erschrickt und die es überwinden muß.

Märchen nehmen derartige existentielle Ängste ernst und geben ihnen eine "zauberhafte" Gestalt: Darin, wie der arme Bauer den reichen König überlistet, wie der junge Bursche die wilden Tiere besiegt und die schöne Prinzessin erringt, wie böse Stiefmütter ihre gerechte Strafe erhalten und bedrohlichen Zauberern all ihre Macht genommen wird, wie der Dümmling klüger ist als alle anderen, wie gute Feen das kostbare Leben schützen und alle Bedrohungen von Drachen, Hexen und bösen Geistern ein Ende hat... darin findet das Kind eine Fülle von Verarbeitungsmöglichkeiten und Lösungen für die jeweils eigenen Probleme und Konflikte.

Wie Märchen "helfen" (können)

Märchen bieten keine Patentlösungen, sie deuten Auswege an, sie ermutigen das Kind zu eigenen Lösungen, und maßen sich nicht an, Belehrungen über richtiges Verhalten in konkreten, alltäglichen Situationen zu geben.

Darin unterscheiden sich die Märchen auch von Fabeln und anderen moralisierenden Realerzählungen, wie sie oft auch in modernen Kinderbüchern zu finden sind. Märchen erheben nicht den Anspruch, genaue Anweisungen zu geben, wie man mit einem ausländischen Schulkameraden freundlich umgeht. Sie geben auch keine Hinweise darauf, ob Väter im Haushalt mitarbeiten sollen oder nicht. Märchen sind keine Bücher zu Verkehrserziehung oder zum rechten Gebrauch des Fernsehgerätes.

Märchen thematisieren existentielle Grundfragen des Menschen wie die Frage der Angstüberwindung und Autonomie, Fragen von Geborgenheit und Trennung, von Verlässlichkeit und Verrat. Fragen des Geborenwerdens, des Lebens und Sterbens, Fragen des Glücks, der Unterscheidung von gut böse...

Gerade die Antworten auf derartige Fragen sind unsicher, mehrdeutig und im Leben eines Menschen vielen Wandlungen unterworfen.

Um so mehr spürt das Kind dieses Dilemma, wenn es erfährt, daß es auch ganz wütend auf die geliebte Mutter sein kann. Oder wenn es erlebt, dass bestimmte Verhaltensweisen das eine Mal richtig, das andere Mal falsch sein können. Große Angst bekommen Kinder, wenn sie an sich selbst spüren, wie gewalttätig und zerstörerisch sie im Streit, in der Auseinandersetzung mit anderen sein können. Da kann das Märchenbild von der Verwandlung in ein reißendes Tier für Augenblicke zur Realität werden.

Die Figuren des Märchens

Märchen zeigen eindeutige - einseitige - Figuren und Szenen. Es ist von Anfang an klar, wer gut ist, wer böse ist, wo die Gefahr lauert, wie sie zu meistern ist, wer am Ende bestraft wird und wer zum Schluß gewinnt.
Das ist ein wichtiges Stilmittel. Denn nur in dieser plakativen Entfaltung der Szene wird die Lösung des Konfliktes einsichtig und nachvollziehbar.

Manchmal muß dann eine Person in mehreren Gestalten auftreten, wenn es sich um die Bewältigung eines inneren Konfliktes handelt (z.B. Entscheidung). Wo immer in einem Märchen zwei, drei Brüder oder Schwestern auftauchen, kann dieses als Bild dafür stehen, daß ein und dieselbe Person mehrere Möglichkeiten gleichzeitig "durchspielt" - und damit auch unterschiedliche Schicksale erleidet - bis sie am Ende "zusammen" (= zu sich selbst) findet.

Gerade weil die Märchenfiguren nicht ambivalent sind wie in der Wirklichkeit - also ein bißchen gut und ein bißchen böse zugleich - sind sie dem Denken des Kindes sehr nahe:
Jemand ist entweder gut oder böse, klug oder dumm, schön oder hässlich, tugendhaft oder verdorben. Diese Darstellung charakterlicher Polaritäten erleichtert es dem Kind, Unterschiede zu erfassen und für die eigene Persönlichkeitsentwicklung zuzuordnen. Erst später wenn die Persönlichkeit des Kindes gefestigt ist, wird es mit Doppeldeutigketen, wie sie in unserem Alltag vorkommen, besser umgehen lernen.

Märchen pro und contra

Anfang der Siebziger Jahre waren Märchen pädagogisch verpönt. Insbesondere wurde darüber heftig diskutiert, inwieweit man Kindern das Böse, das Grausliche der Märchen zumuten könne. Verbrannte Hexen, Wölfe mit aufgeschlitzten Bäuchen, Stiefmütter, die elendiglich zu Tode kamen... schienen ungeeignet für das kindliche Gemüt zu sein.

Inzwischen hat sich diese Einstellung gewandelt, und nicht zuletzt durch die intensive Beschäftigung der Psychologie mit den Märchen wurde ihre tiefliegende, ja mitunter sogar heilende Dimension erkannt.

Welche Märchenfiguren?

Bei der Fülle der Märchen stellt sich oft die Frage nach Ordnungskriterien.
Welches Märchen eignet sich für welche Altersstufe? Ich denke, diese Frage kann und soll man auch nicht so beantworten. Wir können prinzipiell darauf vertrauen, daß Kinder selbst ganz gut spüren, was ihnen gut tut und was nicht. Für uns, die wir Märchen vorlesen oder erzählen, heißt es allerdings, hellhörig zu sein und darauf zu achten, welches Märchen bei den Kindern ankommt, und welches nicht. Das ist ein guter Hinweis darauf, ob ein Märchen tatsächlich ein Motiv enthält, das im Moment für die Entwicklung des Kindes von zentraler Bedeutung ist. Kinder werden in dieser Situation immer wieder nach ein und demselben Märchen verlangen, und wir sollten es ihnen nicht vorenthalten, auch dann nicht, wenn uns das Erzählen schon "zum Hals heraushängt".

Die Märchen und die "Wahrheit"

Wie ist das nun mit der "Wahrheit"?
Ein Vorwurf, welcher der Märchenliteratur ganz allgemein gemacht wird, ist der, daß es sich um erfundene Geschichten handle, um Märchen eben, die allesamt nicht wahr wären. Mit etwa fünf Jahren - also in jenem Alter, in dem die Märchen an Bedeutung gewinnen - glaubt kein normales Kind daran, daß diese Geschichten der Wirklichkeit entsprechen. Und dennoch sind sie für das Kind von Bedeutung, sind sie in einem ganz anderen Zusammenhang "wahr".

Noch wesentlich besser als uns Erwachsenen gelingt es Kindern, in die geheimnisvolle Welt der Phantasie einzutauchen und darin zu unterscheiden, was äußere Realität ist - und was die Zauberwelt der Märchen.

Ein Kind, das mit Märchen vertraut ist, weiß auch, daß sie in einer anderen Sprache reden, in der Sprache der Symbole.

Im Märchen gibt es keine realen Orte oder Zeiten:
Es war einmal..., In einem fernen Land..., Vor langer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat... . Schon die ersten Sätze eines Märchens signalisieren, daß jetzt die konkrete Welt der Wirklichkeit verlassen wird.

Und dennoch "verstehen" Kinder Märchen. Wenn sie auch z.B. wissen, daß es in unserer Welt keine richtigen Riesen gibt, und (und das ist subversive Kraft der Märchen) jenes geheime Wissen, daß man sich mit Klugheit und List entziehen kann.

...und der Umgang damit

Märchen sollen nicht "erklärt" werden. Auch wenn unser Wissen um die Vorgänge in unserer Innenwelt zunimmt, so ist das kindlichem Denken fremd und kann in dieser Phase der Entwicklung auch nicht weiterhelfen.

Märchen büsen viel von ihrer Bedeutung für das Kind ein, wenn die Figuren und Ereignisse nicht aus einer eigenen Phantasiewelt, sondern aus der Vorstellung von uns Erwachenen entstammen. Dies führt zu der praktischen Erfahrung, daß nämlich fertige Märchenillustrationen mehr die Phantasie beschneiden als das Vorlesen oder besser Erzählen einer Geschichte.
Märchen verheißen ein gutes Ende. Darin liegt wohl ihre hauptsächliche Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Mag ein Konflikt noch so schwierig sein, ein Problem noch so bedrohlich - am Ende geht es dennoch glücklich aus. Allerdings eben nicht so, wie wir es uns immer so "märchenhaft" erträumen: ohne Angst, ohne Mühsal, ohne Entscheidung, ohne Kampf...

Nein. Der gute Ausgang im Märchen ist ein mühsam verdienter, oft auch ein ganz anderer als ursprünglich angestrebter, aber es ist ein glücklicher Ausgang, der auch weiterhin in der Zukunft Bestand hat.
Märchen sind verdichtete Selbstwerdungsgeschichten der Menschen. Wir finden in ihnen alle bedeutsamen Motive, die auch in unserer Persönlichkeitsentfaltung eine wichtige Rolle spielen.

Kinder verfügen über einen noch unmittelbareren Zugang zu den Märchen, wir Erwachsene müssen uns diesen Zugang mit Hilfe psychologischer Kenntnisse wieder neu erschließen. Aber wenn uns das gelingt, gewinnen wir einen Schatz.

Otto Kromer, Kinderpastoralreferent der Katholischen Jungschar Österreichs 

Literatur:

  • Bruno Bettelheim: Kinder brauchen Märchen. dtv TB 15010, München 1980
  • Verena Kast: Wege aus Angst und Symbiose, Märchen psychologisch gedeutet. dtv TB 15031
  • diess.: Wege zur Autonomie. dtv TB 15049
  • Märchen als therapie. dtv TB 15055
  • Carl-Heinz Mallet: kopf ab! Über die Faszination der Gewalt im Märchen. dtv 15077

Und einige schöne Märchen:

  • Die Geburt der Wolken von Mario Lodi
  • Märchen von Astrid Lindgren
  • Mensch Märchen von Jonston Phelps
  • Das Wasser des Lebens von Frederik Frans Mellak (Märchen und Gedichte für Erwachsene)
  • Die Mondsteinmärchen von Roland Kübler (Ein Märchenbuch nicht nur für Erwachsene)

Märchen im Internet

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