Koedukation gescheitert?

Aktuelle Chancen und Probleme koedukativer Arbeit

Was ist "Koedukation"?

Du kennst sicherlich das englische Wort "education", das - ursprünglich vom lateinischen Wort "educare" kommend - übersetzt "Erziehung" heißt, "Co" ist eine Vorsilbe, die "gemeinsam" bedeutet. Koedukation heißt also nichts anderes als "gemeinsame Erziehung". Gemeint ist damit die gemeinsame Erziehung von Mädchen und Buben. Früher wurde dieser Begriff in erster Linie im Schulwesen angewendet, heute ist er auch in der Kinder- und Jugendarbeit üblich.

Alltag ist gemeinsam gestaltbar

In der koedukativen Arbeit leben Buben und Mädchen nicht einfach nebeneinander her. Durch gemeinsame Aktivitäten erleben Kinder, daß der Alltag gemeinsam gestaltbar ist. In der Jungschargruppe können sie überdies die Erfahrung machen, wie das Miteinander gestaltet werden kann, damit sich alle Beteiligten - Mädchen und Buben - wohlfühlen können.

Gemeinsame Interessen finden

Du hast sicher auch schon die Erfahrung gemacht, daß Menschen einander näher kommen, wenn sie gemeinsame Interessen entdecken und sich miteinander für gemeinsame Anliegen engagieren. In der koedukativen Jungschargruppe können Buben und Mädchen das erleben und dabei entdecken, daß die Unterschiede der Welt der Buben und der Welt der Mädchen gar nicht so groß sein müssen.


Rollenfixierung

Die unterschiedliche Behandlung von Buben und Mädchen äußert sich in der derzeitigen koedukativen Praxis vor allem darin, dass Rollenfixierungen nicht aufgebrochen, sondern sogar verstärkt werden. Gerade durch das Beisammensein von Mädchen und Buben können in Gruppen traditionell weibliche Aufgaben an die Mädchen und traditionell männliche Aufgaben an die Buben delegiert werden. Während z.B. in einer geschlechtshomogenen Bubengruppe die Buben für eine Jause das Essen selbst herrichten und das Geschirr nachher auch wieder wegräumen müssen, wird in einer koedukativen Gruppe vielfach den Mädchen diese Aufgabe zugeschanzt. Oder es zeigt sich, dass in einer koedukativen Gruppe technische Aufgaben (etwa einen nicht funktionierenden CD- Player wieder in Gang zu setzen) fast automatisch von Buben wahrgenommen wird; sei es, dass sie den Mädchen gar keine Chance geben, das auch einmal zu tun, sei es, dass die Mädchen diese Aufgabe, ohne weiter zu überlegen, sofort an die männlichen Gruppenmitglieder delegieren. Eine koedukative Gruppe kann also gerade dadurch, dass hier Mädchen und Buben zusammen sind, die Fixierung von althergebrachten geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen fördern, anstatt gegen diese zu wirken.

Vernachlässigung geschlechtsspezifischer Aspekte

Leider ist festzustellen, dass in der koedukativen Arbeit oft darauf vergessen wird, dass es auch Unterschiede zwischen der Welt der Buben und der Welt der Mädchen gibt (ungeachtet dessen, woher die Unterschiede kommen) und somit geschlechtsspezifische Aspekte weitgehend vernachlässigt werden. Auf individuelle Bedürfnisse und individuelle (Vor-)Erfahrungen von Buben und Mädchen wird kaum eingegangen.


Was tun?

Wie sollen wir nun angesichts dieser schwerwiegenden Kritik an der gängigen koedukativen Praxis reagieren? Sind die Nachteile gewichtiger als die erhofften Vorteile für die Kinder? Sollen wir fortan nur mehr getrennte Mädchen- und Bubengruppen einrichten? Nein, so soll diese kritische Bestandsaufnahme sicherlich nicht verstanden werden!
Die angeführten Kritikpunkte richten sich weniger gegen das Prinzip des gemeinsamen Handelns von Mädchen und Buben, als gegen die Art und Weise, wie damit umgegangen wird.
In der derzeitigen Diskussion werden auch Stimmen laut, die meinen, dass esKoedukation noch nie gegeben hat! Irgendwann wurden Buben und Mädchen einfach in die gleichen Klassen gesetzt, mehr ist jedoch (in den meisten Fällen) nicht geschehen. Mit der Frage, was das Zusammensein von Buben und Mädchen für die Kinder, deren Wahrnehmung und Erleben bedeutet, hat man sich - so wird deutlich - sicherlich viel zu wenig befaßt.
Hier sollten wir also ansetzen: Wenn wir bereit sind, uns in unserer Jungschararbeit mit den kritischen Momenten derzeitiger Koedukation auseinanderzusetzen, können wir gezielt nach Lösungen suchen, deren Ziel es sein muß, eine qualifizierte (also auch für alle Beteiligten positiv erlebbare) koedukative Arbeit anzubahnen.


Merkmale qualifizierter Koedukation

Natürlich bringen die Kinder bereits selbst verschiedene Vorstellungen und Vorerfahrungen zum Rollenverständnis mit in die Gruppe. Die Jungschar bietet da die Gelegenheit, Alternativen des Miteinanders anzubieten und v.a. auch vorzuleben. Neben dem Überdenken traditioneller Rollenbilder sollen die Bemühungen auch zurErweiterung des Selbstbildes von Buben und Mädchen führen, sodass sie die Möglichkeit erlangen, sich auf die Eigenschaften und Fähigkeiten welche traditionellerweise eher dem anderen Geschlecht zugedacht werden, zu Eigen machen zu können.
Gerade auch aus dieser Überlegung resultiert die Wunschvorstellung nach einem männlichen und einer weiblichen Gruppenleiter/in für jede Jungschargruppe. Insbesondere den Buben fehlen durch den Mangel an Gruppenleitern gleichgeschlechtliche Identifikationsfiguren, sowie mögliche Vorbilder in Bezug auf die Erweiterung ihres männlichen Selbstbildes.

Ein weitverbreitetes Missverständnis in der koedukativen Arbeit besteht in der Vorstellung, Mädchen und Buben müssten ab nun alles gemeinsam tun. Das Grundprinzip der Koedukation schließt jedoch keineswegs aus, dass sich Mädchen und Buben auch einmal alleine in getrennten Kleingruppen miteinander beschäftigen.
Die zeitweilige Teilung in Mädchen- und Buben- Kleingruppen bietet die Möglichkeit, einmal spezifische Aspekte des Mädchen- bzw. des Bub- Seins zu erforschen und zu erarbeiten und dabei individuelle, geschlechtsspezifische Vorerfahrungen und Erlebnisse im besonderen zu berücksichtigen. Wohl dosiert und durchddacht, kann eine zeitweilige Trennung das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gruppe von Mädchen und Buben gegen alle Befürchtungen sogar bestärken. Basis für eine positive koedukative Arbeit ist die kontinuierliche Reflexion unseres eigenen Mann- bzw. Frau- Seins und unseres eigenen Handelns, damit wir in unserem Tun nicht Gefahr laufen, unreflektiert selbst Ungerechtigkeiten zu verursachen und konventionelle Rollenfixierungen zu unterstützen, sondern Vorbilder für die Kinder sein und uns selbst als Frauen und Männer, als Mädchen und Buben in dieser Gesellschaft weiterentwickeln zu können.


Zum Abschluss

Für den schulischen wie auch für den außerschulischen Bereich gilt also in gleicher Weise, dass es wohl kaum genügen kann Buben und Mädchen in eine Gruppe (in eine Klasse) zu stecken. Vielmehr muss ein reflektierter Prozess in der Gruppe und in uns selbst dahinterstehen, in dem auf geschlechtsspezifische Aspekte und Rollenerwartungen bewußt eingegangen wird, um diese bearbeiten und dadurch ein reflektiertes Bild von Mann und Frau- Sein entwickeln zu können.

Regina Petrik-Schweifer, Andrea Jakoubi

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