"Nur Buben in der Gruppe? puhh - muß ganz schön anstrengend sein! na, Fußballspielen geht immer noch...!"

So - oder ähnlich mag es dir vielleicht schon ergangen sein. Mit Buben in einer Gruppe zu arbeiten wird allgemein als schwierig eingestuft. Buben sind "schwer zu bändigen", "können sich nicht konzentrieren", und wenn's ums gemeinsame Spielen geht, mündet dieses nicht selten in Streit und Rauferei. Auch mit den Mädchen kommen sie schwer zurecht. Darunter leiden oft die gemischten Gruppen: entweder es wird den Buben fad - oder sie vertreiben die Mädchen - oder beides.

Buben beanspruchen viel Aufmerksamkeit

Buben beanspruchen viel Aufmerksamkeit des Gruppenleiters bzw. der Gruppenleiterin. Da heißt es immer auf der Hut sein - und ein sicherer Griff in die persönliche Trickkiste, um die unbändigen Knaben am Gruppengeschehen zu interessieren
Wenn die Buben in unsere Gruppen kommen bringen sie schon eine Menge mit:

  • Buben sind schon im Kindergartenalter außenorientiert, ständig in Aktion, aber wenig in Beziehung zu sich selbst.
  • Buben fehlt häufig die Fähigkeit, vertraute und intensive Beziehungen aufzunehmen. Dagegen beherrschen sie die Formen demonstrativer Selbstpräsentation und Cliquenritualisierungen.
  • Buben sind darauf angewiesen, sich ihr Mann-sein selbst herzustellen. Dabei greifen sie auf traditionelle Männlichkeitsbilder zurück und entwickeln diese weiter.
  • Buben übernehmen aufgrund dieser traditionellen Männlichkeitsbilder vor allem alle Abwertungsformen: Abwertung von Frauen, Abwertung von Nicht-Normalem (Schwächling, Schwulsein, ...), Abwertung von Fremden.
  • Buben sind immer wieder darauf aus, Selbstbestätigung über Leistung, Kampf und Rivalität zu bekommen

Unsere kleinen Helden geraten aber auch in Not. Was zunächst so wie eine selbstverständliche Eroberung der Welt aussieht, was Erfolg, Stärke, Sieg und damit Großartigkeit verspricht, bleibt brüchig. Buben schwanken zwischen Größenwahn und Selbstzweifel.

Helden in Not

Buben haben Angst. Sie haben Angst vor dunklen Zimmern, Angst davor, Eltern oder Freunde zu verlieren, Angst, alleine dazustehen. Sie haben Angst zu verlieren, der letzte zu sein. Buben haben Angst vor körperlicher Gewalt, vor Schmerzen und Kummer, aber auch Angst vor Rührung, Zärtlichkeit und vor Sexualität.
Buben haben Angst vor dem Urteil der Mädchen und Frauen, insbesondere davor, nicht als "richtiger Bub" angesehen zu werden, unmännlich, mädchenhaft zu wirken oder zu sein.
All diese Ängste dürfen Buben aber nicht haben, weil sie eben Buben sind, weil sie kleine und große Helden sein müssen. Der Kreis beginnt sich zu drehen: Buben haben Angst vorm Angst-haben.

Solidarisches Engagement der Gruppenleiter für die Buben

Bubenarbeit setzt voraus, daß es ausreichend Männer gibt, die sich für Buben engagieren und sich gerne mit ihnen beschäftigen. Daß den Buben sozusagen "angreifbare Männer" im Alltag zur Verfügung stehen, ist eine der wesentlichen Vorraussetzungen für eine gelingende Bubenarbeit.

Gruppenleiter haben also Vorbildfunktion, was bedingt, daß sie sich selbst mit ihrem Mann-sein und ihren Vorstellungen ausreichend auseinandersetzen. Buben fragen danach, wie sie als Männer ihr Leben bewältigen bzw. damals vom Buben zum Mann geworden sind.
Sie sind neugiereig darauf, Männer im Alltag in neuen Rollen und neuen Verhaltensweisen zu erleben.

Nicht alles, was Buben denken, reden und tun ist in Ordnung. Oft gilt es deutliche Grenzen zu setzen und sich selbst als "Reibebaum" für Auseinandersetzungen zur Verfügung zu stellen.

Neudefinition und Neubewertung "männlicher" Eigenschaften und Kompetenzen

Buben sind es gewohnt, aktiv und initiativ zu sein. Die eigenen Grenzen zu spüren, sie herauszufordern und zu erweitern, sind Grundvoraussetzungen für eine schöpferische Gestaltung der Umwelt.

Reflektierte Bubenarbeit wird bei dieser Gestaltungskraft zur Erweiterung von Lebensräumen ansetzen, aber so, daß dies nicht auf Kosten oder zum Schaden anderer geschieht. Buben müssen auch mit negativen Folgen von Grenzüberschreitungen konfrontiert werden. (z.B. Vergewaltigung, usw. ...).

Ähnliches gilt für typisch männliches Verhalten wie Disziplin und Zielstrebigkeit. Beide Tugenden führen in der Übersteigerung nicht selten zur Unterdrückung von Gefühlen, zu mangelnder Hingabefähigkeit und innerer Unruhe.

Bubenarbeit muß demnach die Gelegenheit bieten, eine "andere Männlichkeit" - im Gegensatz zu den traditionellen Männerbildern - kennenzulernen.

Damit ist eine Männlichkeit gemeint,

  • die ihre Aggresivität und Zielstrebigkeit kultiviert einsetzen kann, ohne Gewalt anzuwenden...
  • die neben Entschiedenheit und Selbstdisziplin auch Hingabe und Wachsenlassen kennt, um lohnenswerte Ziele zu erreichen ...
  • die sich erlaubt, Bedürfnissen nach emotionaler Ausdrucksfähigkeit, nach intensiven Beziehungen, nach Interessen an Kindern und den kleinen Dingen des Alltags nachzugehen.
  • die eine männliche Würde und Moral entwickelt, die nicht auf Abwehr, Konkurrenz oder Unterdrückung anderer aufgebaut ist.

Selbsterfahrung und Auseinandersetzung unter Buben

Im Gegensatz zur alltäglichen Männerwelt bemüht sich eine engagierte Bubenarbeit um Methoden und Räume, durch die und in denen Buben in Kontakt mit sich selber, mit ihrem "Innenleben", ihren Gefühlen, Phantasien, Ängsten, Träumen, ... kommen können. Dafür ist es mitunter notwendig, Buben real oder methodisch zu vereinzeln. Bubenarbeit heißt daher nicht in jedem Fall Gruppenarbeit, weil Cliquendynamik und Gruppendruck unter Buben oft mehr verhindern als ermöglichen können.

Durch die entsprechenden pädagogischen Angebote soll es Buben möglich werden auch mit anderen und mit der Umwelt in Beziehung zu kommen und diese Beziehngen entsprechend vertiefen. Bubenarbeit soll der Vereinsamung der Buben entgegenwirken und Anstoß und Raum für gute, tragfähige Bubenfreundschaften geben. Auf diesem Weg lernen Buben wieder Verantwortung für ihr eigenes Handeln und für Beziehungen zu anderen zu übernehmen.

Bubenarbeit setzt im Alltag an und versucht, diesen Alltag vor allem in seinen eingespielten Ritualen zu durchbrechen. Gewohnte Situationen und bekannte Verhaltensmuster müssen "aufgemacht" werden, um neue Verhaltensweisen einzuüben und auszuprobieren. Dafür ist es notwendig, "Erlebnisräume" zu schaffen, wo Buben unter sich sein können und "anders" sein dürfen, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Diese Bubengruppen bieten große Chancen für entsprechende Lernschritte. Allerdings bleibt als letztes Ziel eine gelungene Übersetzung der neuen Erfahrungen in einen entsprechenden Umgang mit anderen Menschen außerhalb der Gruppe, besonders auch mit den Mädchen. Reflektierte Bubenarbeit versteht sich demnach nicht als Ersatz sondern als Ergänzung und Qualifizierung einer bestehenden koedukativen (Koedukation: ist die Erziehung von Jungen und Mädchen zusammen) Erziehungspraxis.

Gekürzt aus dem Behelf:
Bub/Mädchen, Mann/Frau von Otto Kromer

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