Die Perlenkette

Wieder einmal trafen sie sich hinter der alten, efeubewachsenen Villa in dem halbverfallenen Gartenhäuschen. Gemütlich hatten sie es sich eingerichtet, die fünf Freundinnen.

Maike hatte von ihrer Großmutter ein paar alte Gardinen bekommen. Anna hatte eine Tischdecke vor der Altkleidersammlung gerettet, Tanja fand zu Hause im Keller eine Blumenvase, und die Zwillinge Pe und Sandy brachten immer Limonade und Kekse mit, sie hatten zu Hause nämlich einen kleinen Laden.

Die Sommerferien waren beinahe schon vorüber, und alle ahnten, daß nach den Ferien nichts mehr so sein würde wie vorher. Noch nie hatten sie so tolle Ferien gehabt, sie konten die Zeit von einem Tag zum anderen kaum erwarten, bis sie sich wieder trafen im alten Gartenhaus. Sie spielten, erfanden Geschichten, erzählten einander von zu Hause und manchmal versetzten sie sich sogar in eine ganz andere Welt. Dann waren sie Prinzessinnen am Hofe eines mächtigen Königs oder bereisten ferne Länder, in denen sie die erstaunlichsten Abenteuer erlebten. Doch heute war irgend etwas anders.

Es lag in der Luft; keine wollte darüber reden, und doch wußten alle das Wort, das jeder von ihnen im Kopf herumschwirrte: Abschied

Maike würde mit ihren Eltern wegziehen und zum Hin- und Herfahren war die Entfernung zu weit. Anna hatte die Aufnahmeprüfung für Gymnasium bestanden, mußte warscheinlich viel lernen und würde bald schon neue Freundinnen aus ihrer Klasse finden.

Nur bei Tanja und den Zwillingen blieb alles beim alten. Sie würden auch weiterhin die Schule im Ort besuchen. Aber zu dritt ist es anders als zu fünft. Außerdem fehlte dann Maike, die immer so tolle Ideen hatte, und keine von ihnen konnte so gut Geschichten erzählen.

So saßen sie in ihre Gedanken versunken und starrten auf die alte Tischdecke, auf der die Vase mit den inzwischen verwelkten Blumen stand. Plötzlich stand Tanja auf und machte etwas ab, das sie um den Hals getragen hatte. Es war eine Kette. Eine Kette aus fünf verschiedenfarbigen Holzperlen. Sie legte die Perlenkette auf den Tisch. Wir wollen sie auseinanderschneiden, sagte sie. Wir machen fünf Ketten daraus, und jede von uns bekommt eine Perle. Dann denken wir immer aneinander, wenn wir die Perle betrachten. Au ja, riefen alle anderen im Chor, und sie zerteilten die Kette. Inzwischen sind die Jahre vergangen, die Freundinnen sind erwachsen geworden und haben selber schon Kinder.

Was mit den Perlen geschah?
Immer, wenn eine von ihnen traurig war oder Pech hatte im Leben, dann schickten ihr die anderen als kleines Zeichen eine Perle. Und dann wußte sie: Ich bin nicht allein - die anderen denken an mich.

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