Der singende Kreisel

Personen: (5) Frau Brugger, Bürochefin, korrekte Erscheinung, Brille, etwas mürrisches Gesicht, lächelt nie
Fräulein Meier, Hausdetektivin, resolute Person, redet gerne
Frau Priller, Frau aus der Stadt, einfache, ärmliche Kleidung, Einkaufstasche, zurückhaltend, schüchtern
Fräulein Stainer, etwas heruntergekommen gekleidet, schlecht frisiert, Kopftuch, Tasche, loses Mundwerk, leicht ironisch
Spieldauer: ca. 20 Minuten
Szene: Büro in einem Kaufhaus, ein Eingang. Schreibtisch, Stühle, Schreibmaschinentisch mit Drehhocker davor, Akten usw., ein Telefon steht auf dem Tisch.
Frau Brugger sitzt am Schreibtisch und putzt sorgfältig ihre Brille, sie immer wieder gegen das Licht haltend. Das Telefon läutet kurz. Sie setzt sich die Brille auf und nimmt den Hörer ab.
Frau Brugger: (etwas verdrossen) Abteilung S - (sie hört kurz in das Telefon, dann kühl) Bringen Sie sie herauf! - Welche Abteilung? (Sie notiert etwas auf dem vor ihr liegenden Block) Spielwaren! - Das ist Abteilung fünf. (mit einem Anflug von Gereiztheit)Sagen Sie doch gleich die Nummer! (Sie legt auf, erhebt sich und sucht ein Aktenstück. Dabei ruft sie in Richtung Tür, ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen)Fräulein Fischer! (Fräulein Fischer kommt ohne große Eile herein)
Fräulein Fischer: Ja bitte?
Frau Brugger: (ohne Fräulein Fischer anzusehen, indem sie mit einem Aktenstück hinausgeht)Die Meier bringt Kundschaft von Nummer fünf. Sie soll warten, ich komme gleich zurück! (Sie geht hinaus. Fräulein Fischer ruft ihr nach, aber sie reagiert nicht darauf)
Fräulein Fischer: (leicht verärgert) Immer kurz vor Büroschluss! Ich habe eine Verabredung! (Sie sieht ungeduldig auf ihre Armbanduhr; für sich) Um sechs hau ich ab! (Sie lässt sich auf dem Drehstuhl nieder, ergreift eine Büroklammer, biegt sie auf und spielt damit. Das Telefon läutet, sie nimmt den Hörer ab) Kaufhaus Lindemann, Abteilung S! (Sie hört in die Muschel, wobei ihr Gesicht plötzlich einen sehr freundlichen Ausdruck annimmt) Ach, du bist es! Am Apparat! Aber nein! Ich habs nicht vergessen! Ich möchte heute sogar einmal pünktlich sein! (mit künstlicher Entrüstung) Ach geh! Soviel bin ich noch nie zu spät gekommen! Hast du an mich gedacht? Du bringst es mit? Fein! Ich bin gespannt, ob es mir gefällt? Bis nachher dann! (Sie setzt sich wieder und spielt mit der Büroklammer. Fräulein Meier betritt selbstbewusst den Raum. Hinter ihr erscheint Frau Priller, zögernd, mit der Einkaufstasche am Arm. Sie bleibt mit gesenktem Blick am Eingang stehen)
Fräulein Meier: (herrisch) Ist Frau Brugger nicht da?! Ich hatte doch angerufen! (Fräulein Fischer dreht sich auf dem Drehstuhl herum, so dass sie Fräulein Meier den Rücken zeigt)
Fräulein Fischer: (unpersönlich) Sie sollen warten! Sie kommt gleich zurück! (Fräulein Meier setzt sich aufschnaufend auf einen Stuhl)
Fräulein Meier: Ein Glück, dass bald Weihnachten ist! Noch so eine Woche, und ich bin reif für den Psychiater! Ist ja auch viel zu wenig Personal hier! Und da schimpft die Alte, dass zu viel geklaut wird! Ich wundere mich nur, dass nicht noch mehr geklaut wird.
Fräulein Fischer: Ich hoffe nur, dass wir ums sechs fertig sind.
Fräulein Meier: (fährt fort) Die Menschheit hat ja heutzutage keine Ehre mehr im Leib! Da denkt doch jeder nur an sich, wie er am schnellsten zu was kommt. Sogar einen Professor habe ich kürzlich erwischt, mit einem halben Kilo Butter, du meine Güte! Aus seiner Aktentasche kam dann ein ganzer Delikatessladen zum Vorschein! Fünfzig Gramm Kaviar waren auch dabei. Aber alles kann ich ja nicht sehen. Ich tue meine Pflicht, nicht mehr und nicht weniger! (Frau Brugger kommt herein, wirft einen flüchtigen Blick auf Frau Priller und Fräulein Meier und nimmt hinter ihrem Schreibtisch Platz)
Frau Brugger: (mit einer Handbewegung auf einen Stuhl zeigend, zu Frau Priller) Setzen sie sich!(Frau Priller setzt sich zögernd auf den Rand eines Stuhl und hält gesenkten Blickes ihre Tasche fest auf dem Schoß. Obwohl sie trotzig zu sein versucht, merkt man ihr die Aufregung an. Frau Brugger wendet sich zu Fräulein Meier) Was hat es gegeben, Fräulein Meier?
Fräulein Meier: (geschäftig, selbstbewusst) Diese Dame hier - (sie zeigt auf Frau Priller) habe ich in Abteilung fünf gesehen, wie sie vor der Spielzeugvitrine C stand. Sie ist mir gleich aufgefallen. Hat so verdächtig umhergeschaut! Dann dreht sie plötzlich halb herum ... (sie erhebt sich und demonstriert ihre Schilderung vor dem Schreibtisch) ... und schwupp - lässt sie eines von diesen Dingern da in ihrer Tasche verschwinden! Ich passe sie am Ausgang ab und will ihre Tasche sehen. aber sie weigert sich und fängt an zu schimpfen. Da habe ich sie hineinbefördert! Ich kann mich ja nicht stundenlang herumzanken!
Frau Brugger: (zu Frau Priller, kühl) Könnten wir den Inhalt Ihrer Tasche einmal sehen?
Frau Priller: (schüttelt den Kopf, verbissen) Was wollen Sie denn von mir? Ich habe nichts gestohlen!
Frau Brugger: (unbewegt) Zeigen sie uns den Inhalt Ihrer Tasche, und alles ist in Ordnung.(Frau Priller sitzt unbeweglich da und presst die Lippen zusammen)
Fräulein Fischer: (ungeduldig) Nun machen Sie doch nicht solche Schwierigkeiten!Ich möchte schließlich heute noch nach Hause kommen!
Fräulein Meier: (empört) Ich habs doch ganz genau gesehen!
Frau Brugger: Tut mir leid! Dann muss ich eben die Polizei einschalten! (Sie greif zum Telefon und wählt eine Nummer, dann spricht sie in den Hörer) Kaufhaus Lindemann. Brugger. Können Sie einen Beamten vorbeischicken? Ja, das Übliche, sie will ihre Tasche nicht aufmachen! Danke! (Sie legt auf. Dann zu Fräulein Fischer)Haben Sie das Protokoll vorbereitet, Fräulein Fischer?
Fräulein Fischer: (sieht auf ihre Armbanduhr) Ich habe es! Aber ich komme wohl zu kaum mehr dazu, es zu schreiben
Frau Priller: (zaghaft) Bitte, rufen Sie nicht die Polizei!
Fräulein Meier: Aha, jetzt werden sie endlich vernünftig! Sie bekommen es wohl mit der Angst zu tun, wie?
Frau Brugger: (zu Frau Priller, kühl) Ist leider schon geschehen!
Frau Priller: (zögernd) Ich will ja alles zugeben. Ja ich habe etwas genommen, hier. (Sie öffnet ihre Einkaufstasche) Bitte, übergeben Sie mich nicht der Polizei! Mein Name ist Priller, Annemarie Priller, und ich wohne ...
Frau Brugger: Nun mal hübsch der Reihe nach! Wie war der Name?
Fräulein Meier: Das braucht mich ja nun nicht mehr zu interessieren, denke ich. Alles weitere macht ja ihre Abteilung, nicht wahr, Frau Brugger? Sollten Sie mich nochmal brauchen, wissen Sie ja, wo ich zu finden bin. (Sie geht hinaus)
Frau Brugger: (zu Frau Priller) Also?
Frau Priller: Annemarie Priller, P - r - i - l - l - e - r.
Fräulein Fischer: (schreibt) Sie kommen wohl aus dem Osten
Frau Priller: Nein und ja, meine Großeltern ...
Frau Brugger: (unterbricht) Ihre privaten Dinge interessieren hier nicht! Sie wohnen?
Frau Priller: (rasch wieder eingeschüchtert) Gartenstraße 24, dritter Stock.
Frau Brugger: Nun packen Sie einmal ihre Tasche aus! (FrauPriller holt einen Kinderkreisel hervor und legt ihn vor Frau Brugger auf den Tisch)
Frau Brugger: (leicht überrascht) Das ist doch nicht alles?
Frau Priller: (verzagt) Doch. Mehr habe ich nicht genommen. (Fräulein Meier rauscht aufgebracht herein, gefolgt von Fräulein Stainer)
Fräulein Meier: (aufgeregt hervorsprudelnd) Es ist kaum zu glauben, Frau Brugger, aber ich muss Ihnen schon wieder jemand bringen! Offensichtlicher Diebstahl!
Fräulein Stainer: (sehr heiter) Exakt! Goldener Ring im Wert von 800.000! Einkaufspreis 350.000, hab ich recht? (Sie legt den Ring auf den Tisch)
Fräulein Fischer: (sieht auf ihre Uhr, aufgebracht) Den ganzen Tag wäre Zeit zum Klauen, aber nein, immer kurz vor Feierabend.
Fräulein Meier: Ach, da ist eben jetzt während der Weihnachtsperiode der Tumult am dicksten.
Fräulein Stainer: (hustig) Klar! Alles rennet, rettet, flüchtet - ist, glaub ich, von Goethe
Frau Brugger: (barsch) Nun seien Sie endlich mal ruhig. Setzen Sie sich dort hin, bis wir für Sie Zeit haben.
Fräulein Stainer: Sehr wohl, ich gehorche! Meinen Namen wollen sie gar nicht wissen? Brigitte Stainer, mit A - I, nicht wie der Stein, ohne festen Wohnsitz, geboren ...
Frau Brugger: Warten Sie doch, bis sie dran sind! Sie stören ja nur!
Fräulein Stainer: (ganz und gar nicht eingeschüchtert) Ist mir gar nicht neu, dass ich störe, störtmich aber nicht. Aber ich bin ja schon still.
Frau Brugger: (zu Frau Priller) Sie wollen also behaupten, dieser Kreisel da sei das einzige?
Frau Priller: Ganz bestimmt! Glauben Sie mir doch!
Frau Brugger: Aber Sie haben noch mehr Dinge in ihrer Tasche!
Frau Priller: (zeigt die Dinge vor) Ein paar Lebensmittel, aber alles bezahlt, ich kann Ihnen den Kassenzettel zeigen. Für den Kreisel reichte das Geld nicht mehr, und ich hatte ihn doch meine Buben versprochen. Ich wollte nicht stehlen.
Fräulein Meier: Ich weiß nicht, Frau Brugger, weshalb Sie sich noch kurz vor Feierabend so viel Umstände machen. Überlassen Sie das doch der Polizei!
Frau Brugger: Sie haben ja recht, Fräulein Meier, der Beamte muss sowieso jeden Augenblick vorbeikommen. Ist doch immer die gleiche rührselige Geschichte, und wenn man näher hinschaut ...
Fräulein Stainer: (leicht ironisch) Richtig! Es ist in jedem Fall besser, gar nicht erst näher hinzuschauen!
Fräulein Fischer: (entrüstet) Das ist doch unerhört, was Sie sich hier erlauben! Gestohlen ist doch gestohlen!
Frau Brugger: (zu Fräulein Stainer, kühl) Was wollen Sie damit sagen? Soll das heißen, wir würden nicht jeweils gerecht entscheiden?
Fräulein Stainer: (heiter) Beileibe nicht! Und zudem - so kurz vor Feierabend gibt's ohnehin nicht mehr viel zu entscheiden.
Fräulein Meier: (ungeduldig) Ich sehe schon, Frau Brugger, ich werde hier nur unnötig aufgehalten. Außerdem ist das ja nicht mehr meine Aufgabe. Ich habe die Leute nur zu erwischen und heraufzuschleppen. Was weiter geschehen soll, liegt bei ihnen, Frau Brugger, nicht wahr?
Frau Brugger: Allerdings! Die Entscheidung nehmen Sie mir nicht ab!
Fräulein Meier: Ich habe auch gar keine Lust dazu! (Sie sieht auf die Uhr) O je! Der Laden wird in ein paar Minuten geschlossen! Da hätte ich nun fast Überstunden gemacht! Bis morgen dann! Adieu! (Sie geht hinaus)
Frau Priller: (ängstlich) Werden Sie mich der Polizei übergeben?
Frau Brugger: Sie ist ja bereits gerufen worden
Fräulein Fischer: Frau Brugger, ich muss um sechs ...
Frau Brugger: Ich weiß schon! Nehmen sie nur noch rasch den Namen hier auf! (Sie zeigt auf Fräulein Stainer)
Fräulein Stainer: (Etwas spöttisch) Brigitte Stainer, mit A - I, nicht wie der Stein, wenn ich bitten darf, ohne festen Wohnsitz, geboren am ...
Fräulein Fischer: (unterbricht) Für uns genügt das. Alles andere veranlassen dann Sie, nicht wahr, Frau Brugger? Mich geht das ja nichts mehr an!
Frau Brugger: Richtig. Die Entscheidung liegt bei mir.
Fräulein Fischer: (sieht auf die Uhr) Das reicht gerade noch! (Sie legt ein Blatt Papier vor Frau Brugger auf den Tisch) Ich bin nämlich verabredet!
Frau Brugger: Dass es für mich später wird, daran denken Sie wohl nicht, oder?
Fräulein Fischer: Na, der Beamte kommt doch gleich, und damit ist Ihre Pflicht auch getan! Auf Wiedersehen! Ich gehe! (sie geht hinaus)
Fräulein Stainer: (leicht spottend) Ja, ja, das Leben ist schwer! Jetzt müssen Sie einmal ganz alleine eine verantwortliche Entscheidung treffen. Stimmts?
Frau Brugger: (unpersönlich) Die Entscheidung ist bereits getroffen.
Fräulein Stainer: (leicht aufgebracht) Aber Sie können doch diese Frau hier nicht zur Polizei schicken! Das müssen Sie doch einsehen!
Frau Brugger: Und warum nicht? Sie hat gestohlen, übrigens genau wie Sie! Der Wert spielt keine Rolle!
Fräulein Stainer: Wenn Sie mich fragen, dann wäre das ungerecht! Das sieht doch ein Blinder, dass Sie nur daheim ihre Kartoffeln kochen will. Das ist doch keine, die klaut!
Frau Brugger: (kühl) Und der Kreisel hier?
Frau Priller: (schüchtern) Mein Junge hatte sich zu Weihnachten einen Kreisel gewünscht, wissen Sie, einen, der singt, wenn er sich dreht. Ich hatte ihm einen versprochen, aber wie ich meine anderen Sachen bezahle, merke ich, dass es nicht mehr reicht. Da dachte ich ... Mein Mann kann doch schon seit einem Jahr nicht mehr zur Arbeit ...
Frau Brugger: Wie, das Ding hier singt, wenn es sich dreht?
Frau Priller: Singen ist ja übertrieben, aber einen Summton kann man schon hören. (Frau Brugger versucht,den Kreisel in Gang zu setzen, es gelingt ihr aber nicht) Darf ich einmal? (Frau Priller erhebt sich und lässt den Kreisel vor Frau Brugger auf dem Tisch drehen. Einen Moment lang betrachtet Frau Brugger das Spielzeug)
Frau Brugger: Als Kind hatte ich auch einmal so einen Kreisel ... (Plötzlich ergreift sie heftig den Kreisel und legt ihn abrupt zur Seite. Sie sieht auf die Uhr, wieder kühl) Die Polizei müßte ja schon hier sein. Wo sei nur so lange bleibt?
Fräulein Stainer: Ja, sagen Sie einmal, haben Sie denn gar kein Herz?
Frau Brugger: Ich bin keine Fürsorgeschwester, sondern ich habe Diebstähle zu behandeln!
Fräulein Stainer: Und deshalb sind sie vom Mitfühlen befreit, nicht wahr?
Frau Brugger: (leicht erregt) Nun seien Sie bitte einmal ruhig mit ihren Spitzfindigkeiten! Was glauben Sie denn eigentlich? Ich tue meine Pflicht, nichts weiter! Meinen Sie, es macht mir Spaß, hier nach Büroschluss auf die Polizei zu warten?
Fräulein Stainer: Sie könnten die Frau ja wegschicken!
Frau Brugger: (erregt) Das sagen Sie! Dann müßte ich selbst erst ein Protokoll aufnehmen, und was weiß ich noch alles! Wissen Sie, wann ich dann heimkäme?
Frau Priller: (verzagt) Ach lassen Sie nur, ich möchte Ihnen keine Umstände bereiten.
Frau Brugger: (hat ihre Kühle verloren) Glauben sie nur nicht, ich sei herzlos, ganz und gar nicht, aber an alle kann man ja nicht denken.
Fräulein Stainer: spöttisch) Drum denkt man besser an gar niemand!
Frau Brugger: (erregt) Seien Sie ruhig! (nach einer kleinen Pause) Ohne Protokoll kann ich Sie ja unmöglich wegschicken! Ich würde große Schwierigkeiten bekommen. Warten Sie einen Augenblick, ich spreche eben mit der Abteilungsleiterin (Sie geht hinaus)
Fräulein Stainer: (heiter zu Frau Priller) Sehen Sie? Im allgemeinen sind die Leute wie Kastanien, hübsch verschanzt hinter eine harten Kruste: Pflicht, Verantwortung und so. Man muss nur fest genug daran kratzen - kille kille, und schon wird aus dem Automaten ein ganz netter Mensch!
Frau Priller: Es hat ja jeder seine eigenen Sorgen - Dass ich aber auch so etwas getan habe (Frau Brugger kommt zurück und setzt sich wieder an den Tisch)
Frau Brugger: Ich kann nichts ändern. Die Abteilungsleiterin ist schon gegangen.
Fräulein Stainer: (mit Ironie) Ach nein, wie schade! Die Flucht ist nicht geglückt! Da müssen Sie halt selbst entscheiden!
Frau Brugger: (unsicher) Das kann ich doch nicht machen!
Fräulein Stainer: Nun seien Sie doch ein bisschen nett! Auch wenns schwerfällt!
Frau Brugger: (nach einer Pause) Also gut, Frau Priller, Ihre Adresse haben wir ja. Für heute können Sie nach Hause gehen. Wir werden Ihnen dann mitteilen, was wir zu unternehmen gedenken.
Frau Priller: (schüchtern) Muss ich zur Polizei?
Frau Brugger: (abweisend) Sie bekommen weitere Nachricht!
Frau Priller: (etwas erleichtert, aber doch bedrückt) Danke schön (zu Fräulein Stainer) und Ihnen auch! Auf Wiedersehen! Und frohe Feiertage! (Sie geht hinaus)
Frau Brugger: (zu Fräulein Stainer) Sie haben mich ja ganz schön beschwatzt! Da werde ich sie wohl auchgehen lassen müssen! Den Ring haben wir ja sichergestellt!
Fräulein Stainer: (mit großem Schrecken) Um Himmels Willen! Nun wollen Sie Ihre Nächstenliebe ausgerechnet auf mich ausgießen! Nein, bloß nicht! Da hätte ich mich ja umsonst so angestrengt!
Frau Brugger: (etwas verwirrt) Jetzt verstehe ich aber nichts mehr
Fräulein Stainer: Aber so sehen Sie doch! Was soll ich mit so einem Ring da anfangen? Den habe ich doch bloß geklaut, damit Sie mich einlochen über die Feiertage! Bei meinen Vorstrafen habe ich mir da mindestens für eine Woche ein warmes Zimmer und anständiges Essen gesichert. Und ein bisschen was für Weihnachten fällt dabei auch noch ab! Das Vergnügen lass ich mir nie entgehen!
Frau Brugger: Dann würde die Verantwortung dafür, dass Sie an Weihnachten im Gefängnis sitzen, auf mich fallen!
Fräulein Stainer: Das will ich ja gerade! Wenn Sie nicht ganz herzlos sind, dann tun Sie Ihre Pflicht, geben mich zur Polizei und verderben mir nicht die Feiertage!
Frau Brugger: Erst reden Sie stundenlang von herzlos und so, machen mich schließlich mürbe, und jetzt ... Aber wenn Sie darauf bestehen - bitte sehr! (Das Telefon läutet; Frau Brugger hebt ab) Abteilung S. Er wartet am Eingang? Ja, einen Moment! Sofort! (Sie hält die Sprechmuschel mit der Hand zu, etwas leiser zu Fräulein Stainer) Die Polizei ist gekommen, Ich könnte jetzt noch etwas für Sie tun und den Beamten wieder wegschicken ...
Fräulein Stainer: (während sie aufsteht) Du meine Güte, nein!
Frau Brugger: Es ist ja schließlich bald Weihnachten.
Fräulein Stainer: Eben deshalb! Ich gehe schon hinunter! Am Eingang wartet er, sagten Sie?
Frau Brugger: Ja! Wie Sie wollen.
Fräulein Stainer: (sehr heiter) Danke bestens! Und fröhliche Feiertage! Das wäre ja fast danebengegangen, bei diesem plötzlichen Anflug von Nächstenliebe (sie geht rasch hinaus)
Frau Brugger: (spricht wieder ins Telefon) Hören Sie noch? Da kommt eben eine - hm - Dame hinunter. Sie geht zur Polizeiwache, Diebstahl, wie üblich. Die Unterlagen schicke ich nach. Sagen Sie dem Wachtmeister Bescheid! (Sie legt auf, blickt gedankenverloren vor sich hin und schüttelt den Kopf. Dann wendet Sie sich zur Tür, macht aber plötzlich halt und kehrt zum Telefon zurück. Nach kurzem Zögern hebt sie den Hörer ab und wählt eine Nummer) Sind sie noch beim Arbeiten? Das ist günstig. Brugger am Apparat. Sagen Sie mal, wir versenden doch auf Bestellung diese Weihnachtspäckchen - ja, die meine ich! Größe A,B und C, nicht wahr? Gut! Da habe ich folgende Adresse - schreiben Sie mit? Annemarie Priller: P-r-i-l-l-e-r, hier am Ort, Gartenstraße 24! Und eine zweite: Brigitte Stainer: mit ai, nicht wie Stein. Die Anschrift ist: Städtische Strafanstalt, zur Zeit in Untersuchungshaft. Nehmen Sie Größe B - nein, nehmen Sie das größere! Und den Absender lassen Sie besser weg, aber nicht vergessen, ja? Ja, die Rechnung an mich, und zwar persönlich! Halt, das hätte ich nun fast vergessen! In das Paket für die Gartenstraße legen Sie bitte einen dieser Spielzeugkreisel hinein, das ist aber wichtig, hören Sie? Ja, einen von denen, die singen, wenn man sie dreht. Ja, gut! (Sie legt auf. Dann nimmt sie ein Blatt Papier vom Tisch, blickt kurz darauf und zerreißt es, während ein zufriedenes Lächeln auf ihrem Gesicht liegt.)