Operation im eigenen Heim

Personen: (4) Vater: Günter
Mutter: Heidi
Tochter: Karin
Sohn: Peter
Spieldauer: ca. 7 Minuten
Material: Dekoration: Sitzgruppe eines Wohnzimmers; langgestreckter niedriger Rauchtisch, Couch, Sessel.
Szene: Vater, Mutter und Tochter sitzen in um den Rauchtisch herum. Vater liest Zeitung, Mutter blättert in einer Illustrierten, die Tochter strickt oder häkelt.
Mutter: (legt die Zeitschrift auf den Tisch) Ist eigentlich die neue Illustrierte schon da?
Tochter: Nein, Mutti
Mutter: Ich warte auf die Romanfortsetzung. Die Gehirnoperation, die Professor Brinkmann gerade durchführt, ist so spannend.
Tochter: (gelangweilt) Ein alter Hut, Mutti. Heute arbeitet man sich von der anderen Seite an das Kleinhirn heran.
Vater: (blickt auf) Was verstehst du denn davon, Karin!
Tochter: Ich habe mindestens so viele Medizinische Artikel gelesen wie ihr.
Vater: Das ist ja das Schlimme. Ewig dieses Gerede über Medizin und Krankheiten. Mir schlägt das schon auf's Zentralnervensystem. Huber im Büro kommt mir andauernd mit seinem EKG. Pichlers Kreislaufbeschwerden kenne ich besser als unsere Bilanz. Über den Bandscheibenschaden von der Kofler wird jeden Tag diskutiert. Die Menschen verstehen schon zu viel von ihren Krankheiten.
Sohn: (aus dem Hintergrund) Au! Au! Au!
Vater: (ruft) Peter, was hast du denn?
Tochter: Was wird er schon haben, seine Blinddarmreizung.
Mutter: (ruft) Peter, tut es weh?
Sohn: (erscheint - die Hand seitlich auf den Bauch gepresst) Au! Au! Au!
Mutter: Es scheint doch schlimmer zu sein als sonst. Vielleicht muß er operiert werden.
Tochter: Schon möglich
Vater: So ein Unsinn. Der arme Doktor. Hat so viel Patienten mit weitaus gefährlicheren Krankheiten und soll wegen solch einer Lappalie herkommen
Sohn: (krümmt sich) Au! Au!
Mutter: Was sollen wir denn tun, Günter? Sieh ihn dir doch an! Irgend etwas muß doch geschehen!
Tochter: Soll ich Dr. Kircher anrufen?
Vater: (achselzuckend) Na, ganz einfach ... wir operieren ihn selbst. Wegen einer lächerlichen akuten Appendictis bemühen wir keinen Arzt.
Tochter: Vati, mich trifft die Apoplexie. Du kannst ihn nicht operieren. Schließlich bist du kein Chirurg, sondern Angestellter.
Vater: So viel Illustrierte habe ich auch schon gelesen, um den harmlosen Eingriff selbst machen zu können. an eine Coronasklerose würde ich mich natürlich auch nicht selbst heran wagen. (steht auf) Na also, dann los.
Mutter: (zaghaft) Können wir denn helfen?<7td>
Vater: Natürlich - hol den "Hausarzt" aus dem Bücherschrank, Heidi, Darmgeschichten stehen auf Seite 210. Karin! Watte! Ein scharfes Messer (Karin geht hinaus, um das Verlangte zu holen) Peter! Rück den Tisch vor und leg dich drauf!
Sohn: (zögernd) Kannst du'S auch bestimmt, Vati? Nicht, daß du mich nachher nicht wieder zukriegst.
Vater: Sei doch nicht albern. Den Wurmfortsatz kriegen wir allein fort. Ach, Heidi, das Nähzeug! (Die Mutter holt den Nähkasten heran) und den Äther!
Tochter: (kommt mit Watte und Messer herein. Besserwissend) Vati! Heutzutage anästhesiert man mit Epivan!
Vater: Wenn man nicht intravenös spritzen kann, muß man sich eben anders behelfen. (Die Tochter läuft noch einmal hinaus, um mit dem Ätherfläschchen wiederzukommen)
Mutter: (bringt das Nähzeug) Hier, hier hast du alles Günter. Vielleicht nehmen wir die Ledernadel, die bricht nicht so leicht ab. Aber sei vorsichtig, du hast das noch nie gemacht.
Sohn: (legt sich auf den Tisch) Au! Au!
Vater: So hab' doch einen Moment Geduld! Ich kann auch nicht zaubern! (Die Tochter läuft noch einmal hinaus und kommt mit weißen Tüchern zurück)
Mutter: Aber daß er eine hübsche Narbe kriegt! Wollen wir ihn nicht doch lieber in die Klinik bringen?
Vater: Unsinn. Die Darmgegend kenne ich aus der FF. Heidi Karin, ihr assistiert mir, so wie ihr's in der "Schwarzwaldklinik" gesehen habt.
Sohn: Fangt ihr bald an?
Vater: Gleich gehts los. (Vater, Mutter und Tochter binden sich ein Tuch oder Serviette um) Karin, du reichst mir die Instrumente
Tochter: Ist doch nur eins!
Vater: Das reicht auch (Er prüft das Messer auf seine Schärfe). Frisch geschliffen. Und äußerste Konzentration. Wie bei "Männer in weiß".
Mutter: (Tuch vor dem Mund) Ja, Günter.
Vater: So, Heidi. Du narkotisierst ihn und passt auf den Puls auf
Mutter: Und was mache ich, wenn er schwächer geht?
Vater: Weiß ich im Augenblick nicht, aber gegebenenfalls sehen wir in der Illustrierten von der vorletzten Woche nach, da war so ein Fall.
Sohn: Krieg ich den Blinddarm nachher in Spiritus?
Tochter: Klar, Peter. In einem Weckglas. Ich mach ihn dir ein.
Vater: (munter) So und jetzt fangen wir endlich an! Do it yourself! Skalpell im Haus erspart den Kassenarzt. Heidi - Äther! (Die Mutter öffnet das Fläschchen und läßt den Inhalt auf Peters Nase tropfen.)
Sohn: (zählt vor sich hin, immer leiser werdend) Eins ... zwei ... drei ... vier ... fünf ... sechs ... sieben ...
Mutter: Günter, muß er nicht angeschnallt werden?
Vater: Unsinn. Wenn er zappelt, gießt du nach. Also, ich schneide. (unsicher werdend)Sagt einmal ... war links die Milz und rechts der Blinddarm oder rechts der Blinddarm und links die Leber ... oder die Nieren? Ich möchte nicht gerne herumsuchen ...
Mutter: (jetzt ängstlich) Günter, du wirst doch nichts falsch machen?
Vater: Ja, jetzt weiß ich wirklich nicht ...
Mutter: Günter! Jetzt ist der Junge betäubt und du weißt nicht weiter? (Man hört draußen das Klappern des Briefkastenschlitzes)
Tochter: Vati! Es kann weitergehen! Eben kommt die Illustrierte mit der Fortsetzung von dieser Woche ...
  Ende