Meditation: Steinmeditation

Jeder sucht sich einen Stein (in der Natur oder wird vom Gruppenleiter mitgebracht). Den Stein zuerst blind ertasten. Dazu viel Zeit lassen. Dann kann folgender Text vorgelesen werden:

Ich bin nur ein Stein, einer von vielen, aber ich bin einmalig in meiner Größe, in meinem Aussehen, in meiner Form. Ich bin an manchen Stellen abgerundet, woanders habe ich spitze Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen kann. Ich habe rauhe Oberflächen, an denen man sich reiben kann, an anderen Stellen bin ich glatt und sanft. Ich bin unverwechselbar und habe mein eigenes Profil: Ja, da bin ich!

Ich muß oft hart sein, Gefühle verachten, mich mit anderen Steinen zu Wällen und Mauern türmen - Mauern, die trennen, durch die niemand hindurchsieht, über die niemand hinüberklettern kann: Ja, das bin ich!

Muß ich das? Kann ich das? Will ich das?
Ich kann den kleinen, unscheinbaren Lebewesen Schatte nund Schutz bieten - vor der brennenden Sonne, vor zerstörender, erdrückender Gewalt.
Ich kann, weil ich der bin, der ich bin. Ich kann ein Stein sein, der ins Rollen kommt. Ich kann weich sein, mich von den Wogen des Wassers tragen und umspülen lassen - meine Form dadurch verändern, aufbrechen, vergänglich sein - das weiche Wasser bricht den Stein. Mich verändern und meine Form suchen: Ja, das kann ich!

Ich will mich be-greifen lassen, nicht nur von WInd und Wasser, sondern von sanften Kinderhänden, die mich aufnehmen, mich er-greifen, die über meine Kanten genauso streicheln wie über meine glatten Flächen, die Bewegung in mein Leben bringen.
Sie lassen mich über das Wasser gleiten, lassen mich Wogen und Wellen überspringen - und landen: Einen neuen Ort, eine neue Welt finden, in den und in die ich mich hinenfallen lasse, an dem und in der ich meinen Grund, meine Tiefe suchen kann.
Ins Wasser fallen und Kreise ziehen: Ja, das will ich!

Ich, ein Stein, der die Fingerabdrücke seines Schöpfers tragen darf: ich möchte ergriffen sein, ergriffen werden, in Bewegung sein, landen und hineintauchen in die Tiefen eines neuen Lebens: Ja, das werde ich!.
Amen.

Dieter Barth

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