Meditation: Erdmeditation

Vorbemerkung: In der Hand, die zu einer Schale geformt ist, halten die Meditationsteilnehmer etwas Erde. Einer spricht:

Die Erde ist uns fremd geworden. Wir haben uns von ihr getrennt. Mit unseren Schuhen schützen wir uns vor Kälte, Nässe und Schmutz. Unsere Füsse berühren den Boden nicht mehr. Wir haben den Boden unter den Füßen verloren. Eingeebnet, plattgewlazt und mit Beton und Asphalt versiegelt ist der Boden, damit wir rasch und bequem darüber hinwegrollen können. Auch der Landwirt hat sich über ihn erhoben. Schwere Maschinen tragen ihn über den Boden. Er schreitet nicht mehr in der Pflugfurche oder geht säend und erntend über das Land.

Ein Häuflein Erde liegt in unseren Händen. Wir sehen: es ist dunkelbraun bis grau gefärbt. Es macht einen homogenen Eindruck, als ob es aus einem einzigen Stoff aufgebaut wäre. Wir fühlen: Die Erde ist kühl, locker-luftig und deshalb relativ leicht, etwas feucht, aber nicht klebrig. Ein angenehmes Gefühl. Wir riechen: ein typischer erdiger Duft strömt uns entgegen. Wir kennen ihn. Er erinnert uns an den Waldboden, an reifen Kompost oder an trockene Erde, die von Regen benetzt wird.

Was wir nicht sehen: der Boden besteht aus Teilen verschiedener Herkunft: Sand und Ton aus dem Reich der Gesteine, Humus aus der Zersetzung von Lebewesen entstanden, lebende Organismen: Glieedrtiere, Würmer, einzellige Tiere, Algen, Pilze, Bakterien.

In dieser Handvoll Erde leben Millionen von Organismen. Nur ganz wenige können wir mit bloßem Auge erkennen. Der Erdgeruch wird von Bakterien, die irreführenderweise Strahlenpilze genannt werden, erzeugt. Sie bauen besonders schwer zersetzbare organische Stoffe, wie z.B. das im Holz enthaltene Linin, ab.

Dieses Häuflein Erde in unserer Hand macht einen leblosen Eindruck. Doch es pulsiert Leben darin. Die Wärme unserer Haut hat das Leben aktiviert. Hunderte von Bakterien sind in den wenigen Minuten entstanden, in denen die Erde auf unserer Hand liegt. Hunderte von Bakterien haben ihr kurzes Leben - bei manchen Arten währt es nur eine halbe Stunde - beendet, und ihre Reste werden von anderen Organismen verzehrt und in Humus umgewandelt. Hand in Hand laufen biologisceh, chemische und physikalische Prozesse mit unterschiedlicher Geschwindigkeit ab. Jahrtausende waren nötig, bis hartes Gestein zu Sand, Schluff und Ton verwitterte. In den wenigen Minuten, in denen wir die Erde in unserer Hand halten, ist sie wärmer und trockener geworden, und damit haben sich auch die Lebensbedingungen und Aktivitäten der Mikroorganismen verändert.

Ist es Zufall, wenn wir den gesamten Planeten und das, was wir in der Hand halten, mit dem selben Wort benennen: Erde? Das lateinisceh Wort homo = Mensch und Humus entstammen der selben indogermanischen Wurzel. Im Hebräischen heißt der Mensch adam und der Ackerboden adamah.

Die Erdverbundenheit unserer Vorfahren drückt sich in den Umschreibungen aus, mit denen sie die Menschen benannten: Erdengast, Erdengeschöpf, Erdenkind, Erdensohn, Erdenvolk, Erdenwurm. Sie redeten von Erdreich, von Muttererde oder Mutterboden. nur wenige dieser Wortschöpfungen haben sich in unsere Zeit hinübergerettet.

Wir haben den Boden unter den Füßen verloren und merken nicht, wie der Boden darunter leidet. Wir walzen ihn platt und versiegeln ihn, wir vergiften ihn und verkaufen ihn, als sei er Ware.

"Dieses wissen wir: die Erde gehört nicht dem Menschen; der Mensch gehört der Erde. Dieses wissen wir: alle Dinge sind miteinander verbunden wie das Blut, das eine Familie vereint. Alle Dinge sind miteinander verbunden."

Indianerhäptling Seattle

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