Der Drachentöter

Jeder Bub träumt davon, "ein Held" zu sein (oder zu werden). Was heißt das? Helden sind draußen in der "bösen Welt" aktiv. Sie müssen fortziehen, um sich zu bewähren. Unter Männern ist der Anspruch, Heldentaten zu vollbringen weit verbreitet. Diese finden aber nicht im Haus, in der Küche oder im Kinderzimmer statt, sondern eben draußen, in der Berufs- und Arbeitswelt, in der Politik, im Abenteuer des Reisens und Entdeckens.

Wirkliche Helden müssen "Ungeheuer" besiegen. Mangels real vorhandener Riesen und Drachen sind heute andere "Heldentaten" auf der Tagesordnung: LehrerInnen provozieren, Kämpfe gegen feindliche "Banden" ausfechten, zunehmend auch (grenz) kriminelle Handlungen: kleine Diebstähle im Großkaufhaus, Sprayen an Haus- und U-Bahnwänden, Skateboardfahren über Stiegengeländer, Anzünden von Mistkübeln an Bushaltestellen, und ähnliche Mutproben mit denen Buben ihr "Heldentum" unter Beweis stellen.

Heldenmythen werden üblicherweise dramatisch besungen, also mit viel Ausschmückungen weitererzählt. Wer immer eine Heldentat vollbringt, trachtet auch danach dass sich die Kunde davon möglichst weit verbreitet, damit alle wissen wer da der "Held" ist.

Aber - was tut ein Held nach vollbrachter Heldentat? Heldenmythen erzählen fast nichts über Ruhephasen, übers Ausschlafen oder die nötige Körperpflege, über Verletzungen, kaputte Rüstungen oder "einfache" Krankheiten wie Schnupfen oder Husten. Was macht eigentlich ein Held, wenn es aktuell keine Heldentaten zu erledigen gibt? Wo wohnt er normalerweise solange er die Königstocher noch nicht zur Frau bekommen hat? Kocht er sich in der Zeit selbst - oder sitzt er immer im Wirtshaus und wenn ja, woher hat er das Geld dafür? Wäscht er seine Unterwäsche selbst - oder wechselt er sie gar nicht? Was ist mit jener Vielzahl von alternden Helden, die eben nicht absolut Spitze sind - und trotzdem überlebt haben (schließlich gibt es ja nicht allzu viele Königstöchter für die Altersversorgung?)

Heldentum findet sehr viel in der Phantasie statt - und es fasziniert Buben. Mythen und Märchen können deshalb auch einen wichtigen Beitrag zur Identitätsbildung leisten. Gleichzeitig gilt es aber zu lernen, dass es wichtige Unterschiede zwischen Phantasie und Alltagsleben gibt. Dort ist auch Mut, Entschlossenheit, Risiko, Selbstüberwindung, Verlässlichkeit, Solidarität ... usw. gefragt, oft in den so genannten entscheidenden Kleinigkeiten des Alltags.

Fragen an dich als GruppenleiterIn

Welche Helden kenne ich?

  • Welche Helden - Biographien beeindrucken mich besonders?
  • Gibt es Helden, die für mich (heimliche) Vorbilder sind? Welche und warum?

Wie denke ich über Helden?

Was sind meiner Einschätzung nach die wichtigsten Voraussetzungen, die ein Held haben muß?

  • Was ist riskant für einen Helden?
  • Welche Einstellung oder welches Verhalten ist selbstschädigend
  • Was würde ich heute mit Heldentum bezeichnen?

Bin ich selbst ein Held?

  • Wo wäre ich gerne einmal ein Held?
  • Was könnte ich dabei gewinnen?
  • Welchen Preis müsste ich vielleicht dafür zahlen?
  • Von wem müsste ich Spott und Kritik fürchten, wenn ich Heldentum verweigere?

Glaube ich, dass Buben Helden als Vorbilder brauchen?

  • Was könnte wichtig sein?
  • Was könnte negativ für Buben daran sein?

Bausteine für die Gruppenstunde

Spielzeug - Helden

Von den Spielzeugfirmen LEGO® und PLAYMOBIL® oder anderen werden üblicherweise "Erlebniswelten" mit unterschiedlichen Spielfiguren angeboten. Darunter gibt es jede Menge verschiedener "Männer - Typen" (Cowboy, Indianerhäuptling, Ritter, König, Bandit, Seeräuber, .... aber auch: Rennfahrer, Müllmann, Zoodirektor, ... oder Geist, Außerirdischer, Yedi-Ritter ... usw.).
Die Buben werden gebeten derartige Spielfiguren mitzubringen. Die Spielfiguren werden auf einem großen Tisch aufgebaut, dazu gibt es vorbereitete kleine Kärtchen (Adressetiketten-Format), auf denen jeweils ein Satzanfang aufgedruckt ist: "Dieser Mann ist ein Held, weil..."

Die Buben werden gebeten, zu jedem der vorhandenen Figuren mindestens ein Kärtchen mit einer glaubhaften Begründung beschriften. Dann werden die Begründungen der Reihe nach kurz vorgelesen und kurz bewertet. Wird eine Begründung nicht einstimmig angenommen, muss das entsprechende Kärtchen aussortiert werden.

Heldensagen

Der Gruppenleiter bereitet eine (kurze, übersichtliche ...) Heldensage für das Gruppentreffen vor. Ideal wäre auch die Gegenüberstellung von Geschichten mit männlichen Helden und solchen mit weiblichen Heldinnen. Mit diesem Text wird nun in der Gruppe gearbeitet.

Die Kinder und der Gruppenleiter können dazu verschiedene Vorschläge machen, aus denen dann eine Geschichte (oder ein markanter Abschnitt einer längeren Sage) gemeinsam ausgewählt wird. Wichtig ist, dass die Kinder nach der Lektüre über den Helden Bescheid wissen, sich an den Fortgang der Handlungen erinnern können und auch für sich konkrete Fragen notiert haben, die ihnen während der Lektüre des Textes eingefallen sind.

Szenisches Beispiel

Die Heldensage wird mit wenigen Hilfsmitteln im Gruppenraum spontan inszeniert. Zu Beginn werden für die darin vorkommenden Personen, Gestalten, Tiere, ... Namensschilder gefertigt und bereitgestellt. Dann erfolgt eine Vereinbarung darüber, wer welche Rolle in welcher Szene gerne spielen würde..

Textquelle: gutenberg.aol.de

Es gibt die Möglichkeit, ein und dieselbe Rolle von Anfang bis zu Ende zu spielen, oder aber (wenn mehr mitspielen möchten, als Rollen zur Verfügung stehen) die Geschichte in logische Abschnitte zu teilen und bei Beginn jedes neuen Abschnittes eine Neubesetzung in den Rollen vorzunehmen. Dann werden die Buben gebeten, "aus der Erinnerung" heraus mit dem Spiel zu beginnen. Wenn es hilfreich erscheint, kann auch die Rolle eines Erzählers eigens besetzt werden, dessen Aufgabe es ist, Stichwörter für den weiteren Verlauf des Spiels zu geben.

Veränderungen im Spiel

Die Ausgestaltung der jeweiligen Rolle steht dem einzelnen Spieler frei, solange er damit nicht völlig von der vorgegebenen Vorlage abweicht. Ausschmückungen, lustige oder dramatische Einlagen, Überraschungen sind erlaubt, sofern sie dem Spieler schlüssig erscheinen. Besonderes Augenmerk wird auf die Darstellung jener Zwischenzeiten gelegt, die in der Heldengeschichte unerwähnt bleiben: Nachtruhe, Mittagspause, Krankheit, Trainigsphasen, langweilige Zeiten, nötige Alltagsverrichtungen ...

Jeder Spieler darf auch das eine oder andere Mal das Spiel unterbrechen und an einem für ihn entscheidenden Punkt eine Veränderung im Ablauf vorschlagen. Sind die Spieler mit dem Vorschlag einverstanden, wird in eine neue Richtung weitergespielt und voll Spannung geschaut, was dabei als Ergebnis herauskommt. (z.B. Siegfried tötet den Drachen nicht, sondern zähmt ihn als Haustier - und will ihn im Schlossgarten der Krimhilde als Kuscheltier halten ...)

Reflexion des Spielens und des Spielverlaufs

Nach Beendigung des Rollenspiels werden die Buben aufgefordert, in der Gruppe zu berichten, wie sie das Spiel und sich selbst als Spielende erlebt haben.
Den Abschluss und Ausklang bildet ein gemeinsames Heldenurteil. Die Buben werden Gebeten auf verschiedenfarbigen Kärtchen jeweils den folgenden Satz zu Ende zu führen: "Diese/n Helden/Heldin (Namen einsetzen ...) finde ich besonders toll, weil ..."
"Diese/n Helden/Heldin (Namen einsetzen ...) finde ich besonders arm, weil ..."
Die Kärtchen werden dann sortiert und auf ein großes Wandplakat geklebt, auf das zuvor die Umrisse der Helden, dessen Geschichte ausgewählt wurde, in Lebensgröße aufgezeichnet wurden.

  • Was habe ich im Spiel bemerkt, gesehen, gehört, gespürt, ...?
  • Was ist mir beim Spielen aufgefallen: bei mir selbst? Bei anderen?
  • Wie bin ich mit dem Spielverlauf zufrieden?
  • Passt mir das Ende? Hätte ich lieber eine andere Wendung in der Geschichte gehabt? Welche?
  • Habe ich meine Rolle so spielen können, wie ich es mir vorgestellt habe?
  • Was hat mir an meiner Rolle gefallen, was nicht?
  • Was finde ich am Heldendasein schwierig, irritierend oder gar abstoßend?
  • Wenn ich mir vorstelle, ich wäre "in echt" dieser Held - was würde ich genauso machen? Was anders?

Pappkameraden

Die Buben bekommen eine Reihe Comic - Helden zur Auswahl vorgelegt. Per Gruppenentscheidung müssen sie daraus jene drei Helden auswählen, die ihnen im Moment besonders bedeutsam erscheinen. Aus Sperrholz-platten (oder festerem Karton) werden die Umrisse dieser Helden in Lebensgröße ausgeschnitten (Stichsäge) und deren Körper entsprechend den Vorlagen bemalt. Dann werden die Gesichter aus den Köpfen der Figuren herausgeschnitten, sodass eine ovale Öffnung etwa in der Größe des Gesichtes eines Buben entsteht.

Anschließend werden die Figuren im Raum aufgestellt und fixiert. An ihrer Rückseite muss gegebenenfalls eine Stufe (kleiner Sessel, Bierkiste o.ä.) angefügt sein, sodass die Buben aus der Gruppe bequem hinter die Figur treten und in die Gesichtsöffnung ihr eigenes Gesicht einpassen können.
Die folgende Fantasie - Übung ist ein Frage - Antwortspiel zwischen den Gruppenmitgliedern und jeweils einem Freiwilligen, der in die Rolle des Comic - Helden schlüpft.
Zuerst sammelt die Gruppe verschiedene Fragen, die sie dem Comic - Heft stellen wollen, etwa nach dem Muster:
"Was ich schon immer von dir wissen wollte ...."

Achtung:

Möglichst offene Fragen stellen, also keine, die einfach mit ja oder nein zu beantworten sind!

Die Fragen werden auf einzelne Kärtchen geschrieben und gut gemischt in einen Hut geworfen. Dann erklärt sich einer aus der Gruppe bereit, die Rolle des Helden zu übernehmen und tritt hinter die entsprechende Figur. Die Gruppe zieht nun drei Fragen aus dem Hut und stellt sie dem Helden, der sie so beantwortet, wie er es persönlich für richtig hält. Die Antworten werden (auf der Rückseite der Kärtchen notiert). Nach der dritten Frage schließt sich der Held wieder der Gruppe an, die nun eine gemeinsame Einschätzung vornimmt, etwa derart:

  • Habe ich diese Antwort erwartet - oder überrascht sie mich? Warum?
  • Gäbe es vielleicht eine andere Antwort, die mir lieber wäre? Welche? Warum?

Nach dieser kurzen Beurteilung beginnt die nächste Runde. Gespielt wird, solange Fragen da sind, bzw. solange das Spiel der Gruppe Spaß macht.

Seht, welch ein Held!

Hier geht es um die Herstellung einer originellen Photomontage, die persönlich angestrebtes "Heldentum" der Buben auf witzige Weise sichtbar machen soll. Wenn zur Verfügung, lässt sich derartiges mit geeigneter Computersoftware (Bildbearbeitungsprogramm) sehr leicht herstellen. Aber es geht auch auf dem traditionellen "Schnippelweg" mit Schere und Klebstoff.

Vorzubereiten sind von den Buben jeweils mindestens zwei Bilder: Ein "Hintergrundmotiv" (Landschaft, Gebäude, Alltagsszene, fremde Welt, Naturereignis, odgl.) und ein gelungenes Selbstporträt in einer passenden Pose (Darauf achten, dass wirklich alle Körperteile auf dem Bild drauf sind!) An Quellen können neben der eigenen Fotosammlung z.B. auch Illustrierte oder Bildkalender dienen.

Leitfragen für die Auswahl der Motive könnten sein:

  • An welchem besonderen Ort wäre ich gerne einmal?
  • Welche Rolle würde ich dort gerne übernehmen?
  • Welche besondere Aufgabe hätte ich zu erfüllen?
  • Welche herausragende Heldentat würde ich vollbringen?

Diese beiden Motive werden zunächst eingescannt (hohe Auflösung für später mögliche Vergrößerung berücksichtigen) und dann im Bildbearbeitungsprogramm weiterverarbeitet und zusammenmontiert. Wer die Kunst des "Freistellens" nicht wirklich gut beherrscht, tut gut daran, das Selbstporträt extra vor neutralem, möglichst einfarbigem Hintergrund aufzunehmen, das erleichtert die Montagearbeit ziemlich. Selbstverständlich darf auch mit Farben, Filtern und anderen Bildbearbeitungsmöglichkeiten herum experimentiert werden.

Die fertige Montage wird sauber ausgedruckt und ggf. im Copyshop auf Plakatgröße gebracht. Ein witziges Zitat, eine originelle Bildunterschrift oder ein cooler Sager aus dem Mund des Helden vollendet das Kunstwerk. Die fertigen Poster können entweder zu Hause aufgehängt werden - oder sie zieren künftig den Gruppenraum in Erinnerung an die Heldentaten seiner Benützer ....

Helden des Alltags

Gelegentlich wird in den Medien davon berichtet: Menschen vollbringen "Heldentaten" im Alltag. Jemand rettet ein Kind vor dem Ertrinken, ein Nachbar entdeckt einen Wohnungs- oder Hausbrand und alarmiert rechtzeitig die Feuerwehr, ein Pilot bringt ein Flugzeug trotz eines technischen Gebrechens sicher zur Landung, eine Rettungsfahrerin kann ein Unfallopfer reanimieren, ein Straßenbahngast beruhigt einen Randalierer, eine Polizistin verhindert, dass ein Kind geschlagen wird, ein Unbekannter spendet einem Schwerkranken ein Lebenswichtiges Organ ...

Oft ist derartiges Heldentum "unspektakulär" und wird von den Aktiven im Nachhinein meist als "selbstverständlich" oder gar als solidarische Pflicht bezeichnet.

Mit den Buben eine Erzählrunde vereinbaren, in der entweder aus der Erinnerung oder bezogen auf einen konkreten Anlassfall (z.B. Zeitungsmeldung ...) überlegt wird, warum sich Menschen für andere einsetzen - und dabei möglicherweise das eigene Leben oder die eigene Gesundheit riskieren ...

Besondere Aspekte, die dabei zur Sprache kommen können:
  • Persönliche Betroffenheit vom Schicksal / Leid / Not anderer ...
  • Begabungen, Fähigkeiten, Talente ... die ich habe und die in der aktuellen Situation dringend gebraucht werden ...
  • Ideale, Werte, ... für die ich mich konkret einsetzen möchte ...
  • Zurückstellung von Eigeninteressen zum Wohle eines (größeren) Ganzen ...

Gruppenreflexion und Auswertung

Die abschließende Gruppenreflexion bietet die Gelegenheit, das Erlebte kritisch zu sichten und zu bewerten. Die Buben werden durch eine geeignete Gesprächsform und passend ausgewählte Fragestellungen dazu angeregt, über das, was eben in den Gruppen geschehen ist, nachzudenken und jeweils persönliche Erkenntnisse dazu zu formulieren. Voraussetzung dafür ist eine angenehme Gesprächsatmosphäre und ein gewisses Grundvertrauen untereinander.

  • Was ist toll daran, ein Held zu sein? Was ist möglicherweise sehr anstrengend dabei?
  • In welcher Situation wäre ich selbst gerne ein Held? Wann lieber nicht?
  • Wenn ich ein Held wäre, wie wäre ich dann? Was könnte ich? Was hätte ich zur Verfügung? Worauf könnte ich mich verlassen?
  • War ich selbst schon mal ein Held? Wann? Wie war das?
  • Helden haben immer auch einen Begleiter: Wen hätte ich gerne an meiner Seite?
  • Was heißt es, ein Held im Alltag zu sein? Woran denken wir dabei?
  • Heldentum bedeutet u.a. mutig zu sein: Wofür könnte ich in meinem Leben Mut gebrauchen?

Die Ergebnisse der Arbeit (Eindrücke, besondere Erlebnisse, Erkenntnisse, ..., Bilder, Texte, Fotos, ...) werden zu Ende der Gruppenarbeit in das Gruppentagebuch eingetragen. Für diesen Gemeinsamen Auswertungsschritt soll jedenfalls Zeit eingeplant werden, auch wenn es eine Art Zwischenbilanz wird, weil die Gruppe ihre Arbeit unterbricht und erst bei einem folgenden Treffen daran weitermachen möchte. Für die Eintragungen ins Gruppentagebuch gelten jedenfalls vorab vereinbarte Vertraulichkeitsregeln.

Wenn in einer koedukativ geführten Gruppe geschlechtsbezogen gearbeitet wird, empfiehlt es sich - zumindest für die Anfangsphase - zwei getrennte Tagebücher, nämlich eines für die Buben und eines für die Mädchen zu führen. Das sichert auch die Vertraulichkeit der Gespräche und Auseinandersetzungen aus den geschlechtergetrennten Gruppenphasen.

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