Baustein für eine Gruppenstunde zum Art. 32 der Kinderrechtskonvention - Kinderarbeit

Jedes Kind hat ein Recht auf Schutz vor Arbeit, die seine Gesundheit gefährdet oder seine Bildung und Entwicklung behindert. Der Staat legt das Mindestalter für die Zulassung zur Erwerbstätigkeit fest und regelt alle Arbeitsbedingungen.

Dekoration:

  • Orangensaft
  • Schokolade
  • Kaffee
  • buntes Seidentuch aus Indien

Zu Beginn der Stunde liest du den Kindern folgende Geschichte vor:

Sidnei erzählt

Seit vier Stunden schon wühlt sich Sidnei durch Blätter und Äste. Flink schnappt sich der zwölfjährige eine Orange nach der anderen und stopft sie in den großen umgehängten Sack. Dann rückt er die Leiter zurecht, um die Spitzen abzupflücken. Seit sieben Uhr geht er von Baum zu Baum auf einer Plantage, deren Ende nicht zu sehen ist. "Mein Alltag?" sieht er erstaunt auf. "Hmm. Was soll ich schon dazu sagen? Er besteht nur aus Arbeit. Da gibts wenig Zeit. Um fünf Uhr stehe ich auf, geh aus dem Haus und nehme den Bus, der zum Orangenhain fährt. Wenn alles abgeerntet werden soll, dauert das manchamal bis acht Uhr abends. Aber wenn es wie heute ist, fahren wir um fünf oder halb sechs wieder zurück."

Seit einem Jahr arbeitet der kleine schmächtige Junge mit Vater und Bruder auf den Orangenplantagen rund um die Stadt Itàpolis im Inneren des Bundesstaates Sao Paolo. 60 Kisten zu je 30 Kilo füllt er pro Tag, die dann von einem Lastwagen abgeholt werden. Wohin die Früchte gehen, interessiert ihn kaum. Dass sie auch in Übersee landen, weiß er nicht. Seine Gedanken drehen sich um die Gefahren, die ständig auf ihn lauern. Wie etwa die vielen Bienen, unter denen auch die agressiven "Killerbienen" zu finden sind, die oft in Schwärmen angreifen.

"Klar bin ich schon gestochen worden. Auch einmal am Auge. Das ist ganz dick geworden, war ganz schön schlimm", berichtet der Junge. "Gestern zum Beispiel habe ich plötzlich einen Bienenstock vor mir gesehen und bin gleich weggerannt. Denn da sollte man nicht dran gehen, weil sie dich packen."

Sidnei wischt sich den Schweiß aus der Stirn. "Aber Schlangen gibts auch. Wenn das Gras hoch ist, muß man enorm vorsichtig sein. Wenn nicht, beißen sie dich. Und dann mußt du sehen, dass du schnell ins Krankenhaus kommst. Manche haben zwar kein Gift, aber oft gibts giftige Schlangen." Der Junge schüttelt sich. "Ich habe mal in einem Hain gearbeitet, wo es viele Klapperschlangen gab. Da hatte ich ständig Angst."

Fast vergessen machen diese Gefahren aber die eigentlichen Lasten, die Sidneis Körper ständig zu tragen hat. "Naja, schwer ist die Arbeit auch", brummelt der Junge, in sein Schicksal ergeben, in sich hinein. "Wir müssen ja viele Kisten tragen, die Leiter und so, das ist schon schwer." Und nach kurzem Nachdenken fällt ihm ein:"Ja, und schlecht ist es auch, wenn es regnet. Da ist der Boden aufgeweicht, und wir arbeiten vollkommen durchnässt. Du bekommst eine Grippe und hast nicht mal das Geld, dir Medikamente zu kaufen."

Am liebsten würde er ja in einer Bank arbeiten, gesteht der 12-jährige noch, als er zwischen den Blättern des nächsten Baumes verschwindet. Aber daraus wird wohl nichts mehr. "Ich muß jetzt arbeiten, um zu hause meinen Eltern zu helfen." Ohne die Hilfe der beiden Söhne nämlich käme der Vater gerade auf einen Mindestlohn von umgerechnet 50 €. Das jedoch reicht für die siebenköpfige Familie nicht, die vor einigen Jahren hierher kam. Und wer weiß, wie lange der Vater überhaupt noch mit seinen Rückenschmerzen pflücken kann. Sidnei hat nicht einmal die vierte Klasse abgeschlossen.

Aus: "Kinderarbeit und Orangensaft" Hg: Dritte Welt Haus Bielefeld, 1995


Im Anschluß an die Geschichte soll sich jedes Kind überlegen, wie es selbst lebt.
Um das eigene Leben mit dem von Sidnei zu vergleichen, etilst du den Kindern die folgende Vorlage aus. Links stehen die Daten von Sidnei, rechts kann jedes Kind seine eigenen Daten eintragen. Danach vergleicht ihr eure Antworten mit denen Sidneis - Wo gibt es Übereinstimmungen, wo Unterschiede? Wodurch sind diese Unterschiede bedingt?

Sidneis Tagesablauf

Name, Land: ________________________ Sidnei, Brasilien

Alter: ________________________ 12 Jahre

Beruf (zur Zeit): ________________________ Orangenplantagenarbeiter

Aufstehzeit: ________________________ 5 Uhr

Frühstück: _________________________ Kaffee, Weißbrot, Margarine

Vormittagsmahlzeit: _________________________ Bolacha (eine Art Cracker-Gebäck)

Mittagessen: _________________________ Reis mit Bohnen (kalt)

Nachmittags: _________________________ Orangen

Abends: _________________________ Reis mit Bohnen und Sauce (warm)

Freizeitbeginn: _________________________ ca. 18 Uhr

Freizeitaktivitäten: _________________________ Fernsehen, frühes Einschlafen

Hobbies: _________________________ Fußball

Traumberuf: _________________________ Bankbeamter

aus: Pollmann U., Krämer G., Kinderarbeit und Orangensaft. Wir importieren Kinderarbeit aus Brasilien. Hrsg. v. Dritte Welt Haus Bielefeld - Brasiliengruppe, Bielefeld 1995 Vorlage



Zum Abschluss weist ihr die Kinder noch auf eure Dekoration hin. Um Orangen für den Orangensaft zu pflücken, könnte ein Kind wie Sidnei mitgearbeitet haben. Die Kakaobohnen könnte auch ein Kind im Alter deiner Gruppenkinder gepflückt haben. Um Stoff zu färben oder zu weben, waren auch Kinder beteiligt. Macht die Kinder sensibel dafür, dass viele der Produkte, die bei uns auf dem Markt sind, durch Kinderarbeit produziert wurden. Das schlimme daran ist, dass bei den Kindern dadurch oft die Schulbildung und die Gesundheit leiden müssen.

"In der Region Ribeirao Preto gibt es ungefähr 100.000 Landarbeiter bei der Orangenernte. 30 bis 35 Prozent davon sind Knider und Jugendliche. In der Erntezeit zwischen Juli und Dezember leeren sich die Schulen. Auch Abendschulen helfen kaum weiter, weil viele oft spät heimkommen und dann zu müde sind. Rogerio, 14 Jahre alt und seit 3 jahren Pflücker ist an den Wochenenden so müde, dass er nicht mal mehr Lust hat, Fußball zu spielen. Gravierend sind abervor allem die Wachstums- und Wirbelsäulenschäden durch die schweren Säcke, die die Kinder schleppen müssen oder die Hautkrankheiten und Vergiftungen durch die Pestizide".

Kinderarbeit ist in ländern des Südens ein verbreitetes Problem. Dass aber auch wir davon nicht verschont sind, könnt ihr im Bericht von Young+Direct nachlesen.

Kinderarbeit in Südtirol

Aus der Sicht der Jugendberatungsstelle "Young+Direct"

Als ich gefragt wurde, zu diesem Thema etwas zu schreiben, dachte ich mir: da fällt mir nichts ein, Kinderarbeit gibt es nicht bei uns in Südtirol. Bei genauerem Überlegen kamen mir dann doch einige Gedanken dazu.

Eingangs möchte ich betonen, dass sich bei Young+Direct ganz wenige Kinder und Jugendliche mit diesem Problem melden. Das heißt aber nicht, dass es dieses Problem nicht gibt.

Wir alle wissen, dass weltweit immer noch Millionen von Kindern, vor allem in den sogenannten Ländern des Südens, als Arbeitskräfte ausgebeutet; zu gefährlichen Arbeiten gezwungen und oft in sklavenähnlicher Art abhängig gemacht werden.
Tatsache ist auch, dass genauso in den Industrieländern bis heute ausbeuterische Kinderarbeit zu finden ist.

Die Vereinten Nationen haben in der interneationalen Kidnerrechtskonvention die Rechte der Kinder festgelegt, und alle Länder, welche die Konvention unterschrieben haben, dazu verpflichtet, auf die Gewährung dieser Rechte zu achten.

Im Artikel 23 dieser Konvention verpflichten sich die Länder, Kinder vor ausbeuterischen Arbeiten zu schützen:"Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes an, vor wirtschaftlicher Ausbeutung geschützt und nicht zu einer Arbeit herangezogen zu werden, die Gefahren mit sich bringt, die Erziehung des Kindes behindert oder die Gesundheit des Kindes oder seine körperliche, geistige, selische, sittliche oder soziale Entwicklung schädigen könnten.

Bei uns in Südtirol gibt es eigentlich viele Bereiche, in denen Kinder und Jugendliche zu Arbeiten herangezogen werden. Meist geschieht dies in Familienbetrieben der Landwirtschaft, des Tourismus (Hotels), als auch bei der normalen Hausarbeit. Solange es um Zeitweise Mithilfe geht, die nicht zu einer Überforderung führt, ist dem nichts entgegenzuhalten. Im Gegenteil, Arbeit und Mithilfe kann für die körperliche, seelisch-geistige, moralische und sziale Entwicklung eines Kindes gut und förderlich sein, wenn sie Schulbildung, Erholung und Ruhezeiten nicht beeinträchtigt.

In einigen Fällen allerdings,die in unserer Beratungsstelle zur Sprache kamen, ging es bereits in Richtung Zwang und Überforderung.
Ein Mädchen berichtete von ihrer Freundin, dass diese von den Eltern viel zu viele Stunden am Tag zur Mithilfe im elterlichen Betrieb gezwungen wird, dass sie keine pausen machen darf, dass sie es körperlich nicht mehr schafft, dass sie keine Freizeit mehr hat, dass sie eingesperrt wird, damit sie sich nicht mit Freunden treffen kann. Das Mädchen drohte sich etwas anzutun, weil sie die Situation nicht mehr aushält.

Öfters im Gespräch sind auch Situationen, in denen ältere Geschwister, meist Mädchen, in der eigenen Familie die Rolle der Hausfrau und Mutter übernehmen müssen, da die Mutter entweder berufstätig, krank oder gestorben ist. Hausarbeit mit Kochen, Waschen, Putzen, kleine Geschwister beaufsichtigen ist für ein 11 - 13 jähriges Mädchen eine totale Überforderung.

Uns von Young+Direct liegt sehr daran, solche und ähnliche Fälle sehr diskret und vertraulich zu behandeln. In einem ersten Gespräch versuchen wir die betroffenen Jugendlichen erst mal ernst zu nehmen, ihnen Unterstützung und Hilfe anzubieten und gemeinsam zu schauen, welche Möglichkeiten sie haben, ihre Situation zu verbessern. Wir machen ihnen auch deutlich, dass die Eltern die Pflicht haben, auf das Wohlergehen der Kinder zu schauen und sie diese daher keinesfalls überfordern dürfen. Zunächst fragen wir nach, ob die Jugendlichen mit ihren Eltern das Problem besprochen haben. Meist ist das schon geschehen, hat aber nichts genützt. Ein weiterer Schritt ist die Überlegung, wer im Umfeld des Betroffenen ih nam besten unterstützen, beschützen und ihm helfen kann; vielleciht ein Verwandter, ein Nachbar, die Eltern eines guten Freundes oder Freunde eben dieser Eltern. Sehr wichtig dabei ist, vorher mit den eigenen Eltern zu reden, ihnen bewusst zu machen, dass man entschlossen ist, etwas zu unternehmen.

Sollte das Kind oder der Jugendliche einverstanden sein, kann der Sozialdienst verständigt werden. Dieser ist verpflichtet, mit den Eltern zu reden und zu schauen, dass sich die Situation für das Kind und für die ganze familie verbessert.

Margit Gasser

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