Julian ist zehn und hat jetzt im Sommer viel Zeit. Zeit, die er entweder im Schwimmbad verbringt, oder auf dem Fußballplatz, bei der Oma oder aber zu Hause in seinem Zimmer. Er sitzt herum, läuft durchs Haus oder seiner Mutter hinterher, wenn sie einkaufen geht oder nur mal eben die Zeitung holt. "Weißt du wieder nciht, was du mit dir anfangen sollst?", wird Julian dann gefragt. Und "tu doch endlich einmal etwas!" bekommt er zu hören. Dabei tut Julian doch sehr viel: Er hat eine lange Weile - Langeweile eben.
Und wie wichtig gerade diese Langeweile für Kinder ist, betont der österreichische Pädagoge Gerald Koller. "Langeweile ist eines der schönsten Wörter überhaupt. Es ist aber heute leider ein feindbegriff geworden. eine "Lange Weile" haben ist in Wirklichkeit der Inbegriff von freier Zeit. Dabei ist es falsch zu denken, freie Zeit sei vergeudete Zeit, in der man nur unproduktiv ist. Wir verfallen heute dem Irrtum, Langeweile tunlichst vertreiben zu müssen. Besonders die Kidner leiden darunter", ist Koller überzeugt. "Damit wird den Kindern der einzige Zugang zur eigenen Kreativität, der Quelle inneren Reichtums, versperrt. Denn Kinder entdecken ihre Kreativität gerade in Zeiten der Langeweile."
Während bei den Erwachsenen die Freizeit heute definiert ist als arbeitsfreie Zeit, in der es gilt, andere Dinge zu tun und auf eine andere Dinge zu tun und auf eine andere Weise stets produktiv zu sein, so erleben Kinder ihre Freizeit anders, intensiver. Die von den Eltern meist vielgehasste Trödelei am Morgen z.B. wird von den Kindern ganz anders erlebt. Für sie ist es in dem Moment die wichtigste Zeit und das, womit sie gerade beschäftigt sind, ist das einzige Interessante. Der Zeitbegriff der Kinder bezieht sich stark auf die Jetztzeit.
"Wir müssen wieder lernen, dass bloßes Herumhängen, Nichtstun, nicht produktiv sein muß. Zeit muß nicht produktiv sein", betont Koller und stellt eine ungleiche gleichung auf: "Zeit ist Geld - das stimmt. Aber es gibt auch einen wesentlichen Unterschied zwischen Zeit und Geld, der eine Gleichsetzung nicht zulässt: Zeit wird mehr, wenn man sie teilt. Es geht dabei mehr um die Intensität der Zeit, als um ihre Quantität."
Deshalb ist Kofler auch dafür, dass Eltern nicht zu Animateuren für ihre Kinder werden. "Wenn ein Kind sagt, ihm ist langweilig, wird es vielfach sofort beschäftigt und mit Angeboten überhäuft. Dabei muß man Kindern nur Ruhe und Zeit lassen und sie beschäftigen sich ganz von alleine mit irgendetwas. Wir müssen einfach die Geduld aufbringen, unseren kindern dabei zuzusehen, nicht einzugreifen, sie durchaus auch einmal "raunzen" zu lassen.
Nicht alle Kinder sind in ihrem Verhalten gleich. Einige beschäftigen sich viel mit sich selbst, andere wiederum müssen mehr animiert werden. Doch grundsätzlich machen Kinder von sich aus das, wozu sie Lust haben, wonach ihnen ist. "Durch Langeweile wird Kreativität des Kindes gefördert und es entwickelt von sich aus neue Ideen. Deshalb ist das "Herumhängen" auch in Wirklichkeit eine sehr aktive Zeit und es ist von großer Bedeutung, die Freizeit von Kindern als die Freiheit zu einem selbstgewählten Tun zu verstehen. Das führt autmatisch dazu, dass Kidner lernen können und sollten, ihre zeit zu gestalten - und dies zu verantworten."
Das Wahrnehmen von Zeit hat sich in den letzten 40 Jahren in Mitteleuropa drastisch verändert: heute erlebt ein Mensch in unserer Region Zeit 35-mal schneller als noch im Jahr 1960. Zu dieser Zeit gab es auch noch kaum Autos, Flugreisen, Computer und Fernsehen: Alle diese schnellen medien führen dazu, dass die Menschen die Überbrückung von Räumen wesentlich schneller erleben und oft dadurch überfordert werden. Das Problem sei heute vor allem, dass gerade Kinder und Jugendliche nicht merh erfahren, dass es zwischen dem Aufwallen eines Wunsches und seiner Befriedigung eine Zeit des Wartens geben muss. Diese Zeit des Wartens muss, mehr noch als von den Kidnern, von den Erwachsenen wiederentdeckt werden. Dabei kann etwas vom trödeln und der langen Weile der Kinder ruhig auf die Erwachsenen abfärben.
Katholische Jungschar Südtirol - Ortsgruppe Meran/Untermais • dp