Jungschar Untermais

Der Kirchendieb

Leseprobe freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Impuls-Theater-Verlag
Personen: (7)Der Pfarrer
Mathilde, seine Haushälterin
Talmeier, Zugehfrau im Pfarrhof
Wagner, Mesner
Waldemar Obermeister,ein Vertreter
Maximin Hollenrieder, genannt "Dackel-Max"
Der Wachtmeister
Spieldauer:ca. 40 Minuten
Mathilde:(sortiert Kirchenwäsche, seufzend) Da ist ja wieder allerhand zu flicken dran. Die Ministranten geben aber auch schon kein bisschen Acht auf die Sachen. Da ist der Saum abgerissen - da auch - da fehlt gar ein Stück von der Spitzenkante. Es ist schon ein rechtes Kreuz mit den Buben!
Talmeier:(tritt ein) Grüß Gott, Fräulein Mathild!
Mathilde:Grüß Gott, Frau Talmeier! Da schaun's her!
(zeigt) Da! Und da! - ja in dem Chorhemd ist sogar ein großes Loch! Wie sie das nur fertig bringen!
Talmeier:Ha! Da fragen's noch! Die Kerle sind doch von daheim her net gwöhnt, aufs Gwand aufzupassen! Aber denen tät ichs schon beibringen!
Mathilde:(belustigt)So? Und auf welche Weise?
Talmeier:Jedes mal ein paar an die Ohren oder vom Ministrantenlohn etwas abziehen.
Mathilde:Was redens denn da, Frau Talmeier! Sind halt Buben - und in dem Alter ...
Talmeier:Der Mesner müsst sich eben drum kümmern. Aber der lasst auch alle Viere grad sein. Und der Herr Pfarrer ist viel zu gut.
Mathilde:Sie regen sich da auf - ist ihnen diese Arbeit zu viel?
Talmeier:(erschrocken) Aber Fräulein Mathild! Ich hab doch bloß gmeint ... mir ist doch gleich, was für eine Arbeit sie mir schaffen. Sie dürfen doch net glauben, daß ...
Mathilde:Schon gut, Frau Talmeier! Wollen sie die Sachen zum Ausbessern mit nach Hause nehmen oder -
Talmeier:Wenns ihnen nichts ausmacht, flick ich's gleich da.
Mathilde:Schon recht. Hier ist das Nähzeug (Talmeier setzt sich zum Nähen)
Mathilde:(Will seitwärts in die Küche, kehrt wieder um) Ach, Frau Talmeier, was ich noch sagen wollte: Sie haben doch gestern den Spengler bezahlt?
Talmeier:Freilich, die Rechnung über das Kirchendach.
Mathilde:Und wo haben sie die?
Talmeier:Die hab ich ihnen doch gegeben, wie ich wieder zurückgekommen bin.
Mathilde:Nein, Frau Talmeier, Sie haben mir nichts gegeben. Ich hab allerdings auch vergessen, gleich danach zu fragen. Sie haben sie doch quittieren lassen?
Talmeier:Natürlich. Aber ich hab sie nimmer.
Mathilde:Doch nicht verloren?
Talmeier:Bestimmt nicht! Ich hab sie nicht aus der Hand gegeben und hab sie auch noch nicht in der Hand gehabt, wie ich herein gekommen bin.
Mathilde:(zweifelnd) Dann weiß ich nicht ...
Talmeier:Ich hab sie ihnen doch gleich gegeben, Fräulein Mathild!
Mathilde:(sehr bestimmt) Sie täuschen sich, Frau Talmeier! Ich habe die Rechnung überhaupt nicht mehr zu Gesicht bekommen.
Talmeier:Jetzt weiß ich nimmer, was ich sagen soll. (es läutet - Talmeier will öffnen)
Mathilde:Bleiben sie nur bei ihrer Arbeit. Ich mach schon auf. (öffnet)
Stimme des Vertreters:Guten Tag! Ich komme von der Firma -
Mathilde:Tut mir Leid. Ich kaufe grundsätzlich nicht an der Tür.
Stimme des Vertreters:Ich vertrete die Kunstgesellschaft Franz Huber in München. Der Name ist ihnen doch sicher bekannt?
Mathilde:(etwas freundlicher) Das wohl - bitte treten sie ein
Vertreter:Bin so frei (kommt herein)
Mathilde:Aber der Herr Pfarrer ist nicht da und ich ...
Vertreter:Aber bitte sehr, ich will ihnen ja nichts verkaufen, nur etwas Schönes zeigen. Ich darf doch bei ihnen Interesse an christlichere Kunst voraussetzen?
Mathilde:Ja - aber -
Vertreter:Gestatten - mein Name ist Waldemar Obermeister. (rückt die Näherei auf dem Tisch zur Seite, zu Talmeier) Nur ein kleines Eckchen! (schlägt einen großen Katalog auf. Zu Mathilde) Sehen sie hier! - und hier! - Was sagen sie nun?
Mathilde:(verlegen) Ich möchte mir da kein Urteil erlauben.
Vertreter:Hochmoderne Kunst, Verehrteste! Sehen sie, so etwas bringt frischen Wind in den verstaubten, kitschigen Kult der vergangen Jahre!
Mathilde:(wie oben) Ich weiß nicht -
Vertreter:Hier diese Kruzifix! Eines unsrer besten Stücke. Diese starke Linienführung! Diese Aussage -
Talmeier:(hat sich neugierig über den Katalog gebeugt) Oje! Das ist ja zum fürchten!
Vertreter:Wieso?
Talmeier:Der Herrgott schielt ja!
Vertreter:Damit will der Künstler die ganze Last der Schmerzen, die Qual des Todeskampfs zum Ausdruck bringen.
Talmeier:Wenn ich denk, ich müßt so etwas grässliches in meiner Stub den ganzen Tag vor Augen haben - na - na!
Vertreter:(nachsichtig lächelnd) Meine liebe Frau, sie würden wahrscheinlich auch nicht süß lächeln, wenn ihnen so etwas widerfahren würde. Hier eine Madonna in modernster Prägung (Zu Mathilde): Na?
Talmeier:Liebe Zeit, ist die lang - und dürr!
Mathilde:Frau Talmeier!
Talmeier:Ist das vielleicht net wahr? Schauen's doch hin!
Vertreter:Über Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten. (Zu Mathilde) Wie gefällt ihnen diese Krippendarstellung? Interessant diese gleichsam vergeistigte Auffassung der Mystik.
Talmeier:Was? Das soll eine Krippe sein? Ich seh keine Krippe und kein Jesuskindl.
Vertreter:(überlegen) Völlig veraltet! Hier! Dieser goldene Schein am Boden.
Talmeier:Aha! - Und was sind das für Stecken rechts und links?
Vertreter:Gute Frau, das sollten sie eigentlich wissen! Rechts Maria und links Josef.
Talmeier:Oh mi hats ghaut! Na! So etwas grässlichs tät ich mir nie in meim Leben kaufen und wenn ich noch soviel Geld hätt! (setzt sich kopfschüttelnd an ihre Arbeit)
Vertreter:Hier hätt ich noch -
Mathilde:Ich danke ihnen für ihre Liebenswürdigkeit. Aber sie müssen mich jetzt entschuldigen. Ich muss in die Küche. Sonst bekommt der Pfarrer heut kein Mittagessen.
Vertreter:Wann dürfte ich mir erlauben, ihm meine Aufwartung zu machen?
Mathilde:Nicht vor 2 Uhr bitteschön! Wiedersehn! (ab)
Talmeier:Beim Herrn Pfarrer werden's kein Glück haben. Der hat genug schöne Bilder und Figuren, aber schon was anderes wie sie!
Vertreter:(Der seine Mappen wieder einpackt)Na, wenn nicht für sich, dann braucht er vielleicht etwas für die Kirche. Ich war vorhin drüben. Da wär zwischen den zwei Beichtstühlen ein wunderschöner Platz - was hat man denn hier für einen Kirchenpatron?
Talmeier:Den hl. Sebastian. Warum?
Vertreter:Großartig! Da hätt ich etwas ganz Hervorragendes - (will wieder auspacken)
Talmeier:(indem sie ihre Näherei auf dem ganzen Tisch ausbreitet) Nix! Nix! Den Platz brauch jetzt ich!
Vertreter:(spöttisch) Na ja. Hoffentlich ist der Herr Pfarrer zugänglicher.
Talmeier:Gwiß net!
Vertreter:Wir werden ja schon sehen! Wiedersehen! (ab)
Talmeier:Braucht's net! - So was spinnats schicken sie einem von der Stadt heraus aufn Hals!
Mathilde:(Kommt zurück) Haben sie sichs jetzt überlegt, Frau Talmeier?
Talmeier:Was? Sie werden doch nicht glauben, dass ich dem was abkauf! Ich bin doch net verrückt!
Mathilde:Ich mein die Rechnung. Haben sie sie vielleicht in Papierkorb geworfen, versehentlich, mein ich.
Talmeier:Ja was denken's denn von mir, Fräulein Mathild! Wenn ich ihnen doch sag, daß ich sie net aus der Hand geben hab, weil ich mir doch gedacht hab: die darfst net verlieren. Hab ich sie ihnen net doch geben, Fräulein Mathild?
Mathilde:Bestimmt nicht, Frau Talmeier! Haben sie schon in ihren Taschen nachgesehen?
Talmeier:In meinem Rock habe ich keine Tasche und Schürze habe ich gestern keine angehabt.
Mathilde:Dann steckt die Rechnung bestimmt in ihrer Manteltasche. Möchtens nicht rasch heimgehen und nachschauen?
Talmeier:Jetzt von der Arbeit weglaufen?
Mathilde:Die bleibt ihnen schon. Sie sind ja gleich wieder da.
Talmeier:Dann geh ich halt. Aber ich weiß gwiß, dass es umsonst ist. (ab)
Mathilde:(Sucht in den Schubladen, falls vorhanden - unter Zeitungen und dergleichen ...) Zu dumm, wenn sie mir die Rechnung verschlampt hätte. Wahrscheinlich hat sie sie ja daheim. (Es klopft und der Mesner tritt ein)
Mesner:(auf dem Arm einen roten Ministranenrock) Grüß Gott, Fräulein Mathild!
Mathilde:Grüß Gott, Herr Wagner!
Mesner:Ich bring ihnen da eine Arbeit, d.h. nicht ihnen, für die Talmeierin halt.
Mathilde:Lassen sie sehen.
Mesner:Da schauen's her! Grad an einem Faden hängen die Träger noch, alle zwei! Und da wird nix gesagt. Das nächste mal verliert man dann den Rock am Altar und fertig ist die Blamage.
Mathilde:(lächelnd) Das wär so was! Gut, daß sie ein wachsames Auge haben, Herr Wagner.
Mesner:Ja, da muss man schon hinterher sein bei den Burschen.
Mathilde:(nimmt den Rock) Warten's einen Augenblick. Ich machs selber, dann könnens ihn auch gleich wieder mitnehmen. (setzt sich an den Tisch zum Nähen)
Mesner:Sie richten grad die Kirchenwäsche her? Die zwei Altartücher von den Seitenaltären könntens Waschen auch brauchen. Bis zum Patronzinium ists doch noch zu lang.
Mathilde:freilich. Bringen sie sie mir nur herüber. (Mesner will gehen. Talmeier stürmt aufgeregt herein)
Talmeier:Fräulein Mathild! Fräulein Mathild! Denken sie sich nur: in Weinstetten drüben hat man den hl. Florian gestohlen!
Mathilde:Was sie nicht sagen!
Talmeier:(wichtig) 60 Mio. Lire ist der Wert, weil er schon über hundert Jahr alt ist.
Mesner:(spöttisch) Wo bringst denn die Neuigkeit wieder her?
Talmeier:(wirft ihm meinen giftigen Blick zu. Zu Mathilde) Bei der Lenzbäuerin ist grad ihr Bruder. Der ist Messner in Weinstetten. (bissig zum Messner) Und der muss es ja wissen, oder net?
Mesner:Da hätt man aber doch was in der Zeitung glesen.
Talmeier:Wenn's doch erst vorgestern passiert ist!
Mathilde:Gehts jetzt in unserer Gegend auch schon los mit diesen Kirchendiebstählen!
Talmeier:Auf einmal passierts bei uns auch! Werden's sehen!
Mathilde:Wir haben schon keine Kostbarkeiten in unserer Pfarrkirche.
Talmeier:Außer die Anna Selbdritt? Der Herr Pfarrer hat einmal gsagt, die sei so wertvoll.
Mathilde:Ja das stimmt.
Mesner:Ach was! Die müsst man ja erst von der Tragstange absägen und dann ging sie noch lang net in eine Aktentasche hinein.
Talmeier:In der Nacht -
Mesner:(Unterbricht sie grob) - ist unsere Kirche zugsperrt und die alten Schlösser bringt keiner auf. (Stimme draußen: Zeitung!)
Talmeier:Jetzt werden wirs ja gleich sehen! (ab, kommt mit der Zeitung wieder, die sie hastig öffnet)
Mathilde:(fordernd) Bitte!
Talmeier:Entschuldigens Fräulein Mathild! (Gibt ihr die Zeitung, alle drei schauen interessiert hinein)
Mathilde:Da! (liest vor) "Frecher Kirchendiebstahl in Weinstetten. In der Nacht zum Montag wurde in der hiesigen Pfarrkirche die Statue des hl. Florian entwendet, das Werk eines einheimischen Bildschnitzers, der sie um die Jahrhundertwende der Pfarrkirche stiftete. Sie ist auf etwa 10 Mio. Lire geschätzt."
Mesner:(triumphierend zu Talmeier) Also net 60 Mio Lire und noch lang keine hundert Jahre alt!
Talmeier:(spitz) Zeitungen wissen auch nicht alles und lügen eh wie gedruckt.
Mathilde:Immerhin - in unsrer Gegend treibt sich also ein Dieb herum. Ich werd mit dem Herrn Pfarrer reden, ob man nicht auch untertags unsre Kirche absperren sollt.
Messner:Ich werd jetzt die Altartücher holen (ab)
Mathilde:(ruft ihr nach) Frau Talmeier! Die Rechnung! Frau Talmeier - ! Die hört schon nicht mehr. Wetten, daß sie jetzt in der Kirche kontrolliert, ob bei uns nicht auch etwas fehlt! Wär mir lieber, sie würde nach der Rechnung suchen. Anscheinend hat sie sie daheim nicht gefunden. (ab in die Küche)
Talmeier:(kommt nach kurzer Zeit aufgeregt zurück, hinter ihr der Messner) Fräulein Mathild! Fräulein Mathild! (reißt die Küchentür auf)
Mathilde:Was ist denn nun wieder los?
Talmeier:(läßt sich auf einen Stuhl fallen) Jetzt haben wirs!
Mathilde:Die Rechnung?
Talmeier:Nein! Das Prager Jesuskindl.
Mathilde:Das ist doch kein Grund zur Aufregung. Freilich haben wirs in der Kirche drüben.
Talmeier:Eben net! Unser Prager Jesuskindl - da kann ich gar nimmer reden!
Mesner:Ich tät halt sagen: es ist nimmer da!
Mathilde:(erschrocken) Doch nicht etwa - auch - gestohlen?
Mesner:Jedenfalls ist die Nische unter der Kanzel leer. Und ich könnt schwören dass ich s gestern Abend beim Gebetläuten noch gesehen hab.
Mathilde:Das ist aber eine böse Geschichte! Was wird der Herr Pfarrer sagen?!
Talmeier:(kopfschüttelnd) Na! Na! Sind die Leut heutzutag schlecht! Wie sie sich nur nicht der Sünd fürchten! Der ghört doch gleich aufghängt!
Mesner:Erst muß man ihn haben! Viel wird er net dran haben. Die Figur hat doch kaum einen Wert.
Mathilde:Vielleicht doch. Voriges Jahr hätt ein Kunsthändler unserem Herrn Pfarrer viel Geld dafür geboten. Er hat sie aber natürlich nicht hergegeben. Der Kopf des Jesuskindes ist nämlich aus Elfenbein geschnitzt.
Talmeier:Mir hats auch immer so gut gefallen und ich habs unter der ganzen Predigt anschauen müssen. Ich hab mir schon lang gedacht: Dem machst einmal ein neues Mäntelchen, weils schon so kaputt war. Und jetzt -
Mesner:Wies nur hat sein können! Die Kirche war ordnungsgemäß zugsperrt, wie ich heut früh zum Gebetläuten kommen bin. Sonst war heut noch niemand in der Kirche, nachdem der Herr Pfarrer heut auswärts die Messe liest.
Mathilde:Eben der HErr Pfarrer halt, bevor er in die Filiale gegangen ist. Dem ist aber auch noch nichts aufgefallen, sonst wäre er doch nochmal zurückgekommen. Mir ist das ein Rätsel.
Mesner:Halt! Mir fällt etwas ein. Wie ich vom Turm herunter kommen bin, hab ich den Dackel-Max durch den Friedhof schleichen sehen.
Mathilde:Ach der! Der ist doch harmlos!
Mesner:Mhm! Aber Geld kann der immer brauchen, der Tagdieb.
Talmeier:Ha! Ich hab einen Verdacht: der Kerl mit seinen Heiligenfiguren, der grad vorhin da war!
Mathilde:(entrüstet) Aber Frau Talmeier!
Talmeier:Er hat doch selber zu mir gesagt, dass er schon in der Kirche drüben war und einen Platz für eine neue Figur gesehen hat. Ist ja klar: unser Jesuskindl hat er mitgnommen, damit man bei ihm einen Ersatz kaufen soll. So ein Lump.
Mathilde:(streng) das geht zu weit, Frau Talmeier, so einen Verdacht auszusprechen.
Mesner:Kriegen sollt man ihn schon, den Spitzbuben.
Mathilde:Das ist Sache der Polizei.
Talmeier:Ja natürlich! Rufens doch gleich an, Fräulein Mathild!
Mathilde:Wir wollen doch lieber warten bis der Herr Pfarrer da ist. Er muß ja bald zurück sein.
Talmeier:Und derweil ist der Kerl schon über alle Berge!
Mesner:Wens net schon überhaupt zu spät ist.
Mathilde:Ach herrje, meine Suppe läuft über! (schnell ab)
Messner:Ich wär ja schon dafür, dass man gleich anruft.
Talmeier:Ich auch! (geht zum Telefon)
Mesner:Wenn sies (deutet mit dem Daumen zur Küche) doch net haben will!
Talmeier:Ah was! Hinternach heißts dann doch: Hätt man! Hätt man! (wählt)
Mesner:Bis die kommen dauerts auch wieder eine Weile.
Talmeier:Die sind motorisiert! In 0,5 - - - sind die schon da! (will dem Mesner den Hörer geben. Der winkt ab und geht schnell hinaus)
Talmeier:Feigling! (ins Telefon) Nein, nein, bitt schön entschuldigens. Sie hab ich doch net gemeint, Herr Wachtmeister. Ganz bestimmt net! Was glaubens denn! Wie bitte? - ja hier ist die Gendarmariestation - ah, was sag ich denn - entschuldigens. Wissnes, ich bin ganz durcheinander, weil - Wer da spricht? - Der Pfarrhof natürlich - ah - das heißt die Frau Talmeier - Lassens mich halt ausreden - freilich ists was wichtiges, sehr wichtig sogar und dringend, sag ich ihnen! - Was? - Ich bin ja grad dabei. Also passens auf. Wir habe ndoch in unserer Kirche ein Prager JEsuskindl - oder vielmehr gehabt. Wie bitte? - Ja wenn sie net in die Kirche gehen, dann können sies freilich net wissen. - - - Was? Interessiert sie net? Sie sind gut! Für was zahlen wir sie nachher! - - Ja wenn sie so daherreden - - Wieso denn? Ich hab doch nix unrechts gesagt. - Von mir aus! Dann sollen die Lumpen nur die Kirchen in der ganzen Umgebung ausrauben. - Aber das hab ich Ihnen doch die ganze Zeit sagen wollen. - - jetzt langts mir aber! Wollens jetzt kommen oder net? - Na also! (während sie auflegt). Rutsch mir doch den Buckel runter du tamischer Kerl, tamischer.
Mathilde:(hat das letzte noch gehört)Mit wem reden sie denn? - Sie haben doch telefoniert? Gewiß die Gendarmerie angerufen?
Talmeier:(etwas verlegen) Ja - sinds mer nit bös. Ich hab mir halt gedacht ..
Mathilde:Vielleicht haben sie recht, es könnte sonst wirklich zu spät sein. Aber sehr freundlich war ihr Ton gerade nicht.
Talmeier:Wenn er mich doch so saudumm angred hat, der Wachtmeister, der neue. Aber ein ganz gerissener muß das sein. Der bringt alles heraus, sagen die Leut. Werdens sehen, der findet auch bei uns, wers war.
Mathilde:Wollen wirs hoffen. Aber was anderes, Frau Talmeier: Haben sie die RechnEung zu Hause gefunden?
Talmeier:(erschrocken) Die Rechnung! Oje, das hab ich ja ganz vergessen! Wissnes, ich bin ja gar nicht mehr heim, wie ich die Neuigkeit vo nWeinsteten gehört hab. Aber jetzt lauf ich schnell heim. (ab)
Mathilde:Ich sehs schon kommen, dass ich die Rechnung nochmal ausstellen lassen muß. Eine quittierte Rechung! Ist mir das peinlich!
Mesner:(mit den Altartüchern) Ic hhab nochmal nachgeschaut in der Kirche drüben, ob ich keine Spur entdeck - nix!
Mathilde:Das müssen wir schon der Polizei überlassen. (horcht) Da ist sie schon (Mathilde öffnet die Tür)
Stimme des Wachtmeisters:Wachtmeister Schiele. Von hier aus ist angerufen worden?
Mathilde:Ja. Bitte kommen sie herein, Herr Wachtmeister.
Wachtmeister:(tut sehr wichtig) Waren sie am Telefon?
Mathilde:Nein, unsere Zugehfrau, Frau Talmeier.
Wachtmeister:Aha! Dacht ich mir!
Mathilde:(verwundert) Wiso?
Wachtmeister:Das konfuse Geschwätz hätt gar nicht zu ihnen gepasst. (Messner grinst)
Mathilde:(lächelt) Danke für die Blumen.
Wachtmeister:Blumen? (schaut seine leeren Hände an)
Mathilde:(wie oben) Sie haben mir gerade ein Kompliment gemacht. Falls sie meine Personalien brauchen: ich bin hier Pfarrhaushälterin, Mathilde Hofer.
Wachtmeister:Ja, kommen wir zur Sache. Es handelt sich angeblich um ein Kind, das in der Kirche verschwunden ist. Sind die Eltern schon verständigt?
Mathilde:(wie oben) Kleiner Irrtum, Herr Wachtmeister! Es handelt sich um eine Figur, ein Prager Jesulein.
Wachtmeister:Aha! Eine genaue Beschreibung bitte! (holt ein Notizbuch aus der Tasche und schreibt in der Folgezeit eifrig mit)
Mathilde:Etwa 30 cm hoch, Kopf aus Elfenbein, hat ein rotes, schon etwa zerschlissenes Mäntelchen an.
Mesner:Und auf dem Kopf eine goldene Krone.
Wachtmeister:Echt?
Mathilde:(lächelnd) Sicher nicht.
Wachtmeister:So. Und seit wann wird die Figur vermisst?
Mathilde:Gemerkt haben wirs erst vor einer halben Stunde etwa.
Mesner:Um 6 Uhr morgens war sie noch da.
Wachtmeister:(schreibt) Also: Entwendet zwischen 6 und 9 Uhr. Haben sie einen Verdacht?
Mathilde:Nein, VErdacht kann man das nicht heißen, was sie meinen, Herr Wagner.
Wachtmeister:(in lehrhaftem Ton) Jede Mutmaßung ist von Wichtigkeit und ich muß sie dringend ersuchen, nichts zu verheimlichen. Die kleinste Kleinigkeit kann zur Entdeckung des Täters führen. Also -?
Mesner:Ja, ich hab halt den Dackel-Max heut früh im Friedhof gesehen.
Wachtmeister:(buchstabiert schreibend) Also einen gewissen Max Dackel.
Mathilde:Aber nein, so heißt er ja gar nicht! Das ist nur so etwas wie ein Spitzname.
Wachtmeister:Wie kommt er zu dem sonderbaren Namen?
Mathilde:Das weiß ich auch nicht.
Mesner:Weil er halt die Hunde, die herrenlos herumlaufen, einfangt und in der Stadt dann verkauft.
Wachtmeister:(streng) Das ist ja strafbar! Was hat er denn für einen Beruf?
Mesner:Beruf hat der keinen. Gelegentlich arbeitet er ein bißchen, wenn er grad gar kein Geld mehr hat.

Leseprobe freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Impuls-Theater-Verlag
Zuletzt geändert: 26.01.2011
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